36
tet hatte! Aber jetzt war es zu ſpät! Sie konnte ih⸗ rem Schickſale nicht gebieten. So wenig man ſie bei deſſen Beſtimmung um Rath gefragt hatte, ſo uner⸗ ſchütterlich ſtand nun auch das Ausgeſprochene feſt. Von nun an ſollte ſie die vernachläßigte oder unter⸗ eüi Stieftochter einer übermüthigen Fremden ein!—
So jung ſie war, hatte ſie doch gleich die welt⸗ liche Umſtändlichkeit in dem Betragen zwiſchen ihrem Vater und ſeiner Braut bemerkt. Es herrſchte keine zärtliche Vertraulichkeit zwiſchen ihnen; und obgleich ihr erſter Gedanke geweſen war, als ſie ihres Vaters eilige Vermählung vernahm, ein junges und ſchönes Weib an ſeinem Arme zu ſehen, das alle ſeine Gefühle in Anſpruch nehmen würde, ſo fühlte ſie jetzt doch, daß ſie ruhiger ſein würde, wenn das Zeichen perſönlicher Anhänglichkeit einige Entſchuldigung für ſeine Heirath hätte bieten können.
Indem ſie ihr Haupt nach einem minutenlangen Verweilen bei dieſen bittern Betrachtungen von dem
Kopfkiſſen erhob, wurde ſie durch den Anblick der Gou⸗
vernante getröſtet, die ihren Zögling mit thränenfeuch⸗ ten Augen anſah. Es war das erſte Mal, daß Ida das gutmüthige Geſchöpf weinend geſehen hatte.
„Schonen Sie mich, ich flehe Sie darum an,“
ſtammelte Ida, als Mademoiſelle Thereſe ſie, auf's Neue in Thränen ausbrechend, in ihre Arme ſchloß. „Ich will nicht um Alles in der Welt, daß dieſe Leute meinen Schmerz und meine Kränkung entdecken.“
„Wenn Sie mich lieben, ſo vermeiden Sie jede Berührung, die mir meinen mühſam errungenen Muth rauben könnte.“
Eilig ſprang Ida nun auf und begann mit zit⸗ ternden Händen und wilden, haſtigen Geberden ihre Toilette.
In. dieſem Augenblicke ſtürzte die alte Sara, welche bisher von den Dienſtboten in Anſpruch genommen


