30
Die Natur trieb ſie, vorwärts zu eilen und ſich wie gewöhnlich in die Arme ihres Vaters zu werfen. Aber da Ida anfing, den Eingebungen der Natur zu mißtrauen und blos mit ihrem Stolze ſich zu berathen, ſtand ſie in der Mitte der Halle ſtill und wartete, bis der Baron auf ſie zu kam und, indem er ſeine Hand in die ihrige legte, mit gebrochener Stimme rief:— „Mein geliebtes Kind! umarme Deine neue Mutter.“
Da Fräulein von Rehfeld's Begriffe von einer Umarmung rein deutſch waren, wollte ſie eben mit offenen Armen auf die Dame zueilen, deren Geſtalt und Züge ſie nicht recht unterſcheiden konnte, weil ihre Thränen nun unaufhaltſam im Ernſte floßen. Aber ihre Bewegungen wurden durch einen formellen Kuß, den die Baronin auf ihre beiden Wangen drückte, gehemmt und ihr Gehör wurde durch eine Stimme in Anſpruch genommen, die ſie in ſo reinem Franzöſiſch anredete, wie das von Mademoiſelle Theres war:
„Führe uns in den Salon, meine theuere Ida,“ ſagte ihr Vater, indem er bemerkte, daß mehr Augen, als er wünſchte, in ſeine Familien⸗ Geheimniſſe ein⸗
dringen zu ſehen, auf ſie gerichtet waren; und in dem Moment, in welchem ſie über die Schwelle des Ge⸗ ſellſchaftszimmers traten, begann der Baron, indem er ſich noch einmal gegen eine Gruppe, die ihnen dicht folgte, wandte, ſein Bewillkommen der fremden Gäſte zu wiederholen, welche ſeine Erſchütterung falſch gedeutet zu haben ſchienen.
„Wo iſt meine Tochter ich bin voll Begierde, ſie ihrer neuen Schweſter vorzuſtellen!“ rief die Baronin. Bei dieſem Ausrufe richtete Ida ihren Blick zum erſten⸗ male feſt auf die Braut und nahm mit Erſtaunen wahr, daß die Dame, welcher die Dunkelheit der Halle und ein gewiſſes Anſehen von Eleganz und Aus⸗ zeichnung die Reize der Jugend verliehen hatten, wirk⸗ lich alt genug war, ihre Mutter zu ſein. 8
Dieſe Entdeckung wurde noch mehr beſtätigt, als


