Teil eines Werkes 
1. - 4. Bdchn (1845)
Entstehung
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meinen Begriffen von Liebe und Geſellſchaft. Aber Sie haben mir einen Geſchmack für beſſere Dinge ein⸗ gepflanzt. Alles, was Sie mir von Frankreich, den brillanten Geſellſchaften in Paris und von dem Leben, welches gewöhnlich von den Damen Ihres eigenen Landes geführt wird, geſagt haben, hat mein Intereſſe dafür ſo ſehr erweckt, daß ich anfange, dieſes einſamen Platzes überdrüſſig zu werden. Sehen Sie, ſprach ſie und hielt plötzlich inne;ſeit beinahe ſiebenzehn Jahren habe ich keinen andern Gegenſtand zu betrach⸗ ten, als die Thurmſpitze, welche durch die Bäume jenſeits blickt, und die undurchdringlichen Wälder, die dort drüben die Hügelreihen begränzen.

Eine reizende Landſchaft! murmelte Mademoi⸗ ſelle Moreau, durch deren unwillkührliche Aeußerungen des Abſcheues bei ihrer erſten Ankunft das Fräulein wahrſcheinlich zu dem Bewußtſein der Langweiligkeit dieſes Ortes erwacht war.

Aber was trägt dazu bei, das Herz zu feſſeln oder zu erheben? rief Ida.Nichts; hätte meine arme, theure Mutter gelebt, oder hätte ich eine jüngere Schweſter beſeſſen, die mit mir erzogen worden wäre, ſo würde uns der Reiz früherer Erinnerungen jeden Gegenſtand um uns her theuer gemacht haben. Aber meine Kindheit war freudenlos, und mein Vater ſollte dies erwägen, indem er mir in ſo glänzenden Farben die Feſtlichkeiten von St. Petersburg ſchildert, an welchen ich, wie er wohl weiß, vermöge meines Alters

. Theil nehmen könnte!

Mademoiſelle war ein wenig beleidigt, ein wenig gekränkt. Die plötzliche Forderung der Unabhängigkeit der Meinungen von Selten ihres Zöglinges ließ ſie bereuen, Fräulein von Rehfeld's trockene Unterrichts⸗ ſtunden ſo frühe mit Erzählungen von den fröhlichen Geſellſchaften, die ſie bei der Gräfin de Choiſy mitge⸗ macht hatte, deren Tochter ſie Lehrerin geweſen war, gewürzt zu haben. Alles, was ſie jedoch thun konnte,