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der Fall, da jeder ihrer Züge an Agnes erinnerte, an das einzige Weſen, das er jemals geliebt hatte, und da ſie ihn mit zärtlichen Benennungen und Liebkoſun⸗ gen überhäufte, die ſowohl ſeinem Ohre, als ſeinem Herzen fremd geworden waren. Es bedurfte keiner großen Bemühung von Seiten der anhänglichen Sara, das Kind zu einem Gegenſtande der tiefſten Neigung für den Baron zu machen.
Bald wurde es in der Umgebung und auch ſogar unter den Dienern bemerkt, daß keine Gunſt erlangt werden konnte, außer durch die Vermittlung des klei⸗ nen Mädchens. Das Tagewerk der unſchuldigen Ida beſtand daher aus fortwährenden Fürbitten. Sie hatte die Schuldigen zu vertheidigen und die Unglücklichen zu beſchützen. Obgleich kaum fähig zu ſprechen, war ſie doch ſchon eine einflußreiche Perſon.
Wie er ſich einſt, ein hartherziger Mann, der Beherrſchung ſeiner zärtlicheren Natur hingab, ſchien er jetzt ſolſ darauf zu ſein, ſich zu einem größern Sklaven, als andere Leute zu machen. Rehfeld ſchien zu prahlen, ihn der Laune ſeines ſchönen Kindes unter⸗ worfen zu haben, und Ida war ſo ganz verzärtelt, als wenn ſie nicht das Kind eines Mannes geweſen, der ſich ſeiner Gattin geſchämt hatte und mit der Toch⸗ ter, die ſie ihm geboren, unzufrieden geweſen war. Seine Landnachbaren, ja ſogar ſeine Hoffreunde und Verwandten, die gelegentlich aus der Reſidenz mit ihm kamen, ahmten ſeine Bethörung für jenes überirdiſch ausſehende Weſen nach, welches in dieſer Einſamkeit gleich einem Geiſte des Friedens umher⸗ wandelte.
Bis ſie fünfzehn Jahre alt war, hatte Ida von Rehfeld noch nie das alte Haus verlaſſen.
Von dem Paſtor des Dorfes empfing ſie allen Unterricht, den die alte Sara nicht zu geben im Stande war; und ſeltſamer Weiſe war die Erziehung jenes ſchönen Mädchens beinahe ganz dieſelbe, wie die


