Teil eines Werkes 
1. - 4. Bdchn (1845)
Entstehung
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wer und Vater eines Mädchens! Dieſes veranlaßte ihm einen großen Schmerz. Er wußte kaum, was er mehr beklagen ſolle, den Tod ſeiner Gattin, oder daß ſein Kind am Leben geblieben.

Der Baron von Rehfeld war ein ernſter und thä⸗ tiger Mann, der nichtsdeſtoweniger aus Liebe gehei⸗ rathet hatte. Die meiſten Menſchen, ſogar auch die von pedantiſcher Natur, zeigen einmal im Leben einige ſchwächere und zartere Punkte, gleich der verwund⸗ baren Ferſe des Helden, dem thönernen Fuße des me⸗ tallenen Götzen. Der Baron, obwohl ſtolz auf ſeine zweiundzwanzig Ahnen, die einen Mann würdig ma⸗ chen, in den Annalen von Regensburg aufgezeichnet zu werden, hatte ſeine Gattin aus der Familie eines einfachen Verkünders des Evangeliums der lutheriſchen Kirche gewählt.

Er beſaß jedoch nicht die unerläßliche geiſtige Stärke, um eine ſolch' unabhängige Wahl ſtandhaft zu verfechten. Der unbeſtändige Mann gab bald, und zwar ſowohl der Welt, als ſeiner Frau zu verſtehen, daß er blos vermöge einer Capitulation mit dem Prin⸗ cipe die Vorurtheile ſeiner Kaſte bei Seite geſetzt habe. Von dem Augenblicke ihrer Vermählung an trennte er die arme Agnes ſtrenge und unerbittlich von ihrer Familie, und nach der ſteifen und formellen Vorſtellung bei Hofe, welche die Güte ſeines Fürſten, deſſen Günſtling er war, gefordert hatte, führte er ſie auf das Schloß Rehfeld und confinirte ſie da, wäh⸗ renn er ſeine officielle Laufbahn in der Reſidenz ver⸗ olgte.

Obgleich das eheliche Leben der Baronin nicht viel länger, als ein Jahr gedauert hatte, ſo war daſ⸗ ſelbe doch ſchon durch manchen dunkeln Augenblick ge⸗ trübt worden. Das junge Herz, aus der Mitte einer ſo liebevollen Familie geriſſen, welkte in dem freude⸗ leeren, einſamen Hauſe dahin. Ihre Liebe für ihren Gemahl, der hinſichtlich des Standes hoch über ihr

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