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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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oder im einſamen Thale, daß Prieſter und Levit vor dem bezeichneten Steine ſich ſegnend vorübergingen und der Sa⸗ mariter eine Thräne weinte.

Hier, Lotte! Ich ſchaudre nicht, den kalten ſchrecklichen Kelch zu faſſen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken ſoll! Du reichteſt mir ihn und ich zage nicht. All! alle! So ſind alle die Wünſche und Hoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, ſo ſtarr an der ehernen Pforte des To⸗ des anzuklopfen!

Daß ich des Glückes hätte theilhaftig werden können, für dich zu ſterben! Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte muthig, ich wollte freudig ſterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederſchaffen könnte. Aber ach! das ward nur wenigen Edeln gegeben, ihr Blut für die Ihrigen zu vergießen, und durch ihren Tod ein neues hundertfältiges Leben ihren Freunden anzufachen!

In dieſen Kleidern, Lotte, will ich begraben ſein; du haſt ſie berührt, geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum ge⸗ beten. Meine Seele ſchwebt über dem Sarge. Man ſoll meine Taſchen nicht ausſuchen. Dieſe blaßrothe Schleife, die du am Buſen hatteſt, als ich dich zum erſtenmale unter deinen Kindern fand o küſſe ſie tauſendmal und erzähle ihnen das Schickſal ihres unglücklichen Freundes! Die Lie⸗ ben! ſie wimmeln um mich! Ach! wie ich mich an dich ſchloß! ſeit dem erſten Augenblick dich nicht laſſen konnte! Dieſe Schleife ſoll mit mir begraben werden. An meinem Ge⸗ burtstage ſchenkteſt du mir ſie! Wie ich das alles verſchlang! Achl ich dachte nicht, daß mich der Weg hierher führen

Leiden des jungen Werther's.

ſollte! Sei ruhig, ich bitte dich, ſei ruhig! Sie ſind geladen. Es ſchlägt zwölfel So ſei es

denn! Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!

Ein Nachbar ſah den Blitz vom Pulver und hörte den Schuß fallen. Da aber alles ſtille blieb, achtete er nicht weiter drauf.

Morgens um ſechſe tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet ſeinen Herrn an der Erde, die Piſtole und Blut. Er ruft; er faßt ihn an; keine Antwort, er röchelte nur noch. Er läuft nach den Aerzten, nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glie⸗