120 Leiden des jungen Werther's.
der. Sie weckt ihren Mann, ſie ſtehen auf; der Bediente bringt heulend und ſtotternd die Nachricht, Lotte ſinkt ohn⸗ mächtig vor Alberten nieder.
Als der Medicus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne Rettung; der Puls ſchlug, die Glie⸗ der waren alle gelähmt. Ueber dem rechten Auge hatte er ſich durch den Kopf geſchoſſen; das Gehirn war herausge⸗ trieben. Man ließ ihn Pun Ueberfluß eine Ader am Arme; das Blut lief, er holte noch immer Athem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Seſſels konnte man ſchließen, er habe ſitzend vor dem Schreibtiſche die That vollbracht; dann iſt er herunter geſunken, hat ſich convul⸗ ſiviſch um den Stuhl herumgewälzt. Er lag gegen das Fenſter entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Klei⸗ dung, geſtiefelt, im blauen Frack mit gelber Weſte.
Das Haus, die Nachbarſchaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte man auf das Bette ge⸗ legt, die Stirn verbunden; ſein Geſicht ſchon wie eines Tod⸗ ten, er rührte kein Glied. Die Lunge röchelte noch fürchter⸗ lich, bald ſchwach, bald ſtärker; man erwartete ſein Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. Emilia Galotti lag auf dem Pulte aufgeſchlagen.
Von Albert'’s Beſtürzung, von Lottens Jammer laßt mich nichts ſagen!
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingeſprengt; er küßte den Sterbenden unter den heißeſten Thränen. Seine älteſten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße; ſie ſielen ne⸗ ben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbändigſten Schmer⸗ zens, küßten ihm die Hände und den Mund, und der älteſte, den er immer am meiſten geliebt, hing an ſeinen Lippen, bis er verſchieden war und man den Knaben mit Gewalt weg⸗ riß. Um zwölfe Mittags ſtarb er. Die Gegenwart des Amt⸗ mannes und ſeine Anſtalten tuſchten einen Auflauf Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er ſich erwählt hatte. Der Alte folgte der Leiche und die Söhne. Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geiſtlicher hat ihn begleitet.
Ende.
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