Leiden des jungen Werther's. 117
ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der Tiſch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur eetwas zu fragen kam, gleich gehen wollte und— blieb, machte die Unterhaltung bei Tiſch erträglich; man zwang ſich, man redete, man erzählte, man vergaß ſich.
Der Knabe kam mit den Piſtolen zu Werthern, der ſie ihm mit Entzücken abnahm, als er hörte, Lotte habe ſie ihm gegeben. Er ließ ſich Brod und Wein bringen, hieß den Kna⸗ ben zu Tiſche gehen, und ſetzte ſich nieder zu ſchreiben.
„Sie ſind durch deine Hände gegangen, du haſt den Staub davon geputzt; ich küſſe ſie tauſendmal, du haſt ſie berührt: und du, Geiſt des Himmels, begünſtigſt meinen Entſchluß! und du, Lotte, reichſt mir das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünſchte, und ach! nun empfange. O ich habe meinen Jungen aus⸗ gefragt! Du zitterteſt, als du ſie ihm reichteſt, du ſagteſt kein Lebewohl!— Wehe! wehel kein Lebewohl!— Sollteſt du dein Herz für mich verſchloſſen haben, um des Augen⸗ blicks willen, der mich ewig an dich befeſtigte? Lotte, kein Jahrtauſend vermag den Eindruck auszulöſchen! und ich fühle es, du kannſt den nicht haſſen, der ſo für dich glüht.“
Nach Tiſche hieß er den Knaben alles vollends einpa⸗ cken, zerriß viele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam wieder nach Hauſe, ging wieder aus vor's Thor, ungeachtet des Regens, in den gräf⸗ lichen Garten, ſchweifte weiter in der Gegend umher, und kam mit anbrechender Nacht zurück und ſchrieb.
„Wilhelm, ich habe zum letztenmale Feld und Wald und den Himmel geſehen. Lebe wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröſte ſie, Wilhelm! Gott ſegne euch! Meine Sachen ſind alle in Ordnung. Lebt wohl! wir ſe⸗ hen uns wieder und freudiger.“
„Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergiebſt mir. Ich habe den Frieden deines Hauſes geſtört, ich habe Mißtranen zwiſchen euch gebracht. Lebe wohl! ich will es enden. O! daß ihr glücklich wärt durch meinen Tod! Al⸗ bert! Albert! mache den Engel glücklich! Und ſo wohne Gottes Segen über dir!“


