116 Leiden des jungen Werther's.
mit Uebereilung, Werther ſei geſtern Abends da geweſen. Er fragte, ob Briefe gekommen, und er erhielt zur Antwort, daß einige Briefe und Packete auf ſeiner Stube lägen. Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes, den ſie liebte und ehrte, hatte einen neuen Ein⸗ druck in ihr Herz gemacht. Das Andenken ſeines Edel⸗ muths, ſeiner Liebe und Güte hatte ihr Gemüth mehr be⸗ ruhigt; ſie fühlte einen heimlichen Zug, ihm zu folgen, ſie nahm ihre Arbeit und ging auf ſein Zimmer, wie ſie mehr zu thun pflegte. Sie fand ihn beſchäftigt, die Packete zu er⸗ brechen und zu leſen. Einige ſchienen nicht das Angenehmſte zu enthalten. Sie that einige Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und ſich an den Pnlt ſtellte zu ſchreiben.
Sie waren auf dieſe Weiſe eine Stunde neben einander geweſen, und es ward immer dunkler in Lottens Gemüth. Sie fühlte, wie ſchwer es ihr werden würde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem beſten Humor wäre, das zu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag; ſie verfiel in eine Wehmuth, die ihr um deſto ängſtlicher ward, als ſie ſolche zu verber⸗ gen und ihre Thränen zu verſchlucken ſuchte.
Die Erſcheinung von Werther's Knaben ſetzte ſie in die größte Verlegenheit; er überreichte Alberten das Zettelchen, der ſich gelaſſen nach ſeiner Frau wendete und ſagte: Gieb ihm die Piſtolen!„Ich laſſe ihm glückliche Reiſe wünſchen,“ ſagte er zum Jungen. Das ſiel auf ſie wie ein Donner⸗ ſchlag, ſie ſchwankte aufzuſtehen, ſie wußte nicht, wie ihr geſchah. Langſam ging ſie nach der Wand, zitternd nahm ſie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und zau⸗ derte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch einen fragenden Blick ſie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vor⸗ bringen zu können, und als der zum Hauſe hinaus war,
machte ſie ihre Arbeit zuſammen, ging in ihr Zimmer, in dem Zuſtande der unausſprechlichſten Ungewißheit. Ihr Herz weiſſagte ihr alle Schreckniſſe. Bald war ſie im Be⸗ griffe, ſich zu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die Geſchichte des geſtrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen; dann ſah ſie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigſten konnte ſie hoffen,
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