Leiden des jungen Werther's.
ten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für ſie verloren war, den ſie nicht laſſen konnte, den ſie leider! ſich ſelbſt überlaſſen mußte, und dem, wenn er ſie verloren hatte, nichts mehr übrig blieb.
Wie ſchwer lag jetzt, was ſie ſich in dem Augenblick nicht deutlich machen konnte, die Stockung auf ihr, die ſich unter ihnen feſtgeſetzt hatte! So verſtändige, ſo gute Menſchen fingen wegen gewiſſer heimlicher Verſchiedenheiten unter ein⸗ ander zu ſchweigen an, jedes dachte ſeinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und die Verhältniſſe verwickelten und verhetzten ſich dergeſtalt, daß es unmöglich ward, den Knoten eben in dem kritiſchen Momente, von dem alles ab⸗ hing, zu löſen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit ſie früher wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nach⸗ ſicht wechſelsweiſe unter ihnen lebendig geworden und hätte ihre Herzen aufgeſchloſſen, vielleicht wäre unſer Freund noch zu retten geweſen.
Noch ein ſonderbarer Umſtand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus ſeinen Briefen wiſſen, nie ein Geheimniß daraus gemacht, daß er ſich dieſe Welt zu verlaſſen ſehnte. Albert hatte ihn oft beſtritten; auch war zwiſchen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede davon geweſen. Dieſer, wie er einen entſchiedenen Widerwillen gegen die That empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von Em⸗ pfindlichkeit, die ſonſt ganz außer ſeinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, daß er an dem Ernſt eines ſolchen Vor⸗ ſatzes ſehr zu zweifeln Urſach finde, er hatte ſich ſogar dar⸗ über einigen Scherz erlaubt, und ſeinen Unglauben Lotten mitgetheilt. Dies beruhigte ſie zwar von einer Seite, wenn ihre Gedanken ihr das traurige Bild vorführten; von der andern aber fühlte ſie ſich auch dadurch gehindert, ihrem Manne die Beſorgniſſe mitzutheilen, die ſie in dem Augen⸗ blicke quälten.
Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer ver⸗ legenen Haſtigkeit entgegen; er war nicht heiter, ſein Ge⸗ ſchäft war nicht vollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegſamen, kleinſinnigen Menſchen ge⸗ funden. Der üble Weg auch hatte ihn verdrießlich gemacht.
Er fragte, ob nichts vorgefallen ſei, und ſie antwortete
8*


