114 Leiden des jungen Werther's.
wird mir es heller. Wir werden ſein! wir werden uns wie⸗ derſehen! Deine Mutter ſehen! ich werde ſie ſehen, werde ſie finden, ach! und vor ihr mein ganzes Herz ausſchütten! Deine Mutter, dein Ebenbild!“
Gegen eilfe fragte Werther ſeinen Bedienten, ob wohl Al⸗
bert zurückgekommen ſei? Der Bediente ſagte Ja; er habe deſſen Pferd dahinführen ſehen. Darauf giebt ihm der Herr ein offenes Zettelchen, des Inhalts:
„Wollen Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reiſe
Ihre Piſtolen leihen? Leben Sie recht wohl!“
Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geſchlafen; was ſie gefürchtet hatte, war entſchieden, auf eine Weiſe entſchieden, die ſie weder ahnen noch fürchten konnte. Ihr
ſonſt ſo rein und leicht fließendes Blut war in einer fie⸗ 1
berhaften Empörung; tauſenderlei Empfindungen zerrütteten das ſchöne Herz. War es das Feuer von Werther's Um⸗ armungen, das ſie in ihrem Buſen fühlte? war es Un⸗ wille über ſeine Verwegenheit? war es eine unmuthige Ver⸗ gleichung ihres gegenwärtigen Zuſtandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freier Unſchuld und ſorgloſen Zutrauens an ſich ſelbſt? Wie ſollte ſie ihrem Manne entgegengehen? wie ihm eine Scene bekennen, die ſie ſo gut geſtehen durfte, und die ſie ſich doch zu geſtehen nicht getraute? Sie hatten ſo lange gegen einander geſchwiegen, und ſollte ſie die erſte ſein, die das Stillſchweigen bräche, und eben zur unrechten Zeit ihrem Gatten eine ſo unerwartete Entdeckung machte? Schon fürchtete ſie, die bloße Nachricht von Werther's Be⸗ ſuch werde ihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar dieſe unerwartete Kataſtrophe! Konnte ſie wohl hoffen, daß ihr Mann ſie ganz im rechten Lichte ſehen, ganz ohne Vorurtheil aufnehmen würde? und konnte ſie wün⸗ ſchen, daß er in ihrer Seele leſen möchte? und doch wie⸗ der, konnte ſie ſich verſtellen gegen den Mann, vor dem ſie immer wie ein kryſtallhelles Glas offen und frei geſtanden,
und dem ſie keine ihrer Empfindungen jemals verheimlicht
noch verheimlichen können? Eins und das andere machte ihr Sorgen und ſetzte ſie in Verlegenheit; und immer kehr⸗


