Leiden des jungen Werther's. 113
O vergieb mir! vergieb mir! Geſtern!— es hätte der letzte Augenblick meines Lebens ſein ſollen. O du Engel! zum erſtenmale, zum erſtenmale ganz ohne Zweifel durch mein Inniginnerſtes durchglühte mich das Wonnegefühl: Sie liebt mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf mei⸗ nen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen ſtrömte; neue, warme Wonne iſt in meinem Herzen. Vergieb mir! vergieb mir!
Ach ich wußte, daß du mich liebteſt, wußte es an den erſten ſeelenvollen Blicken, an dem erſten Händedruck: und doch, wenn ich wieder weg war, wenn ich Alberten an dei⸗ ner Seite ſah, verzagte ich wieder in fieberhaften Zweifeln.
Erinnerſt du dich der Blumen, die du mir ſchickteſt, als du in jener fatalen Geſellſchaft mir kein Wort ſagen, keine Hand reichen konnteſt? O!l ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und ſie verſiegelten mir deine Liebe. Aber ach! dieſe Eindrücke gingen vorüber, wie das Gefühl der Gnade ſeines Gottes allmählich wieder aus der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle in heiligen ſicht⸗ baren Zeichen gereicht ward.
Alles das iſt vergänglich, aber keine Ewigkeit ſoll das glihende Leben auslöſchen, das ich geſtern auf deinen Lip⸗ pen genoß, das ich in mir fühle! Sie liebt mich! Dieſer Arm hat ſie umfaßt, dieſe Lippen haben auf ihren Lippen gezittert, dieſer Mund hat an dem ihrigen geſtammelt! Sie iſt mein! Du biſt mein! ja, Lotte, auf ewig!
Und was iſt das, daß Albert dein Mann iſt? Mann! Das wäre denn für dieſe Welt— und für dieſe Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß ich dich aus ſeinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut; und ich ſtrafe mich dafür: ich habe ſie in ihrer ganzen Himmelswonne geſchmeckt,
dieſe Sünde, habe Lebensbalſam und Kraft in mein Herz.
geſaugt. Du biſt von dieſem Augenblicke mein! mein, o Lotte! Ich gehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater! Dem will ich's klagen, und er wird mich tröſten, bis du kommſt, und ich fliege dir entgegen, und faſſe dich und bleibe bei dir vor dem Angeſichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen.
Ich träume nicht, ich wähne nicht. Nahe am Grabe


