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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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112 Leiden des jungen Werther's.

nicht etwas zu ſagen, entkleidete ihn; alles war naß. Man hat nachher den Hut auf einem Felſen, der an dem Ab⸗ hange des Hügels in's Thal ſieht, gefunden, und es iſt unbegreiflich, wie er ihn in einer finſtern, feuchten Nacht, ohne zu ſtürzen, fei Jen hat.

Er legte ſich zu Bette und ſchlief lange. Der Bediente fand ihn ſchreibend, als er ihm den andern Morgen auf ſein Rufen den Kaffee brachte. Er ſchrieb Folgendes am Briefe an Lotten:

Zum letztenmale denn, zum letztenmale ſchlage ich dieſe Augen auf. Sie ſollen ach! die Sonne nicht mehr ſehen; ein trüber, neblichter Tag hält ſie bedeckt. So traure denn, Natur! dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht ſich ſeinem Ende. Lotte! das iſt ein Gefühl ohne Gleichen, und doch kommt es dem dämmernden Traum am nächſten, zu ſich zu ſagen: Das iſt der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich habe keinen Sinn für das Wort der letztel Stehe ich nicht da in meiner ganzen Kraft? und morgen

liege ich ausgeſtreckt und ſchlaff am Boden. Sterben! was

heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode re⸗ den. Ich habe manchen ſterben ſehen; aber ſo eingeſchränkt iſt die Menſchheit, daß ſie für ihres Daſeins Anfang und Ende keinen Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! dein, o Geliebte! Und einen Augenblick getrennt, geſchieden! vielleicht auf ewig? Nein, Lotte, nein! Wie kann ich vergehen? wie kannſt du vergehen? Wir ſind ja! Ver⸗ gehen! Was heißt das? Das iſt wieder ein Wort! ein leerer Schall! ohne Gefühl für mein Herz! Tod, Lotte! eingeſcharrt der kalten Erde, ſo eng! ſo finſter! Ich hatte eine Freundin, die mein Alles war meiner hülfloſen Jugend; ſie ſtarb und ich folgte ihrer Leiche, und ſtand an dem Grabe, wie ſie den Sarg hinunterließen, und die Seile ſchnurrend unter ihm weg und wieder herauf ſchnellten, dann die erſte Schaufel hinunterſchollerte, und die ängſtliche Lade einen dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dum⸗ pfer, und endlich bedeckt war! Ich ſtürzte neben das Grab hin ergriffen, erſchüttert, geängſtet, zerriſſen mein Innerſtes, aber ich wußte nicht, wie mir geſchah wie mir geſchehen wird! Sterben! Grabl ich verſtehe die Worte nichti