Druckschrift 
Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
Einzelbild herunterladen

110 Leiden des jungen Werther's.

Die Wellen zerſchmetterten das Boot. Armar ſtürzte ſich in die See, ſeine Daura zu retten oder zu ſterben. Schnell ſtürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen; er ſank und hob ſich nicht wieder. 4

Allein auf dem ſeebeſpülten Felſen hörte ich die Kla⸗ gen meiner Tochter. Viel und laut war ihr Schreien; doch konnte ſie ihr Vater nicht retten. Die ganze Nacht ſtand ich am Ufer, ich ſah ſie im ſchwachen Strahle des Mon⸗ des, die ganze Nacht hörte ich ihr Schreien; laut war der Wind, und der Regen ſchlug ſcharf nach der Seite des Ber⸗ ges. Ihre Stimme ward ſchwach, ehe der Morgen erſchien; ſie ſtarb weg, wie die Abendluft zwiſchen dem Graſe der Felſen. Beladen mit Jammer ſtarb ſie und ließ Armin allein! Dahin iſt meine Stärke im Kriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen.

Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hoch hebt, ſitze ich am ſchallenden Ufer, ſchaue nach dem ſchrecklichen Felſen. Oft im ſinkenden Monde ſehe ich die Geiſter meiner Kinder, halb dämmernd wan⸗ deln ſie zuſammen in trauriger Eintracht.

Ein Strom von Thränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepreßten Herzen Luft machte, hemmte Werther's Geſang. Er warf das Papier hin, faßte ihre Hand und weinte die bitterſten Thränen. Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen in's Schnupftuch. Die Bewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes Elend in dem Schickſale der Edeln, fühlten es zuſammen, und ihre Thränen vereinigten ſich. Die Lippen und Augen Werther's glühten an Lottens Arme; ein Schauer überfiel ſie; ſie wollte ſich entfernen, und Schmerz und Antheil lagen be⸗ täubend wie Blei auf ihr. Sie athmete, ſich zu erholen, und bat ihn ſchluchzend, fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels! Werther zitterte, ſein Herz wollte berſten; er hob das Blatt auf und las halbgebrochen:

Warum weckſt du mich, Frühlingsluft? Du buhlſt und ſprichſt: Ich bethaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens iſt nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter herabſtört! Morgen wird der Wanderer kommen,