Leiden des jungen Werther's. 109.
dein bleiches Geſicht! Erinnere mich der ſchrecklichen Nacht, da meine Kinder umkamen, da Arindal, der mächtige, fiel, Daura, die liebe, verging.
„Daura, meine Tochter, du warſt ſchön! ſchön, wie der Mond auf den Hügeln von Fura, weiß, wie der gefallene Schnee, ſüß, wie die athmende Luft! Arindal, dein Bogen war ſtark, dein Speer ſchnell auf dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolke im Sturme!
„Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Daura's Liebe; ſie widerſtand nicht lange. Schön waren die Hoff⸗ nungen ihrer Freunde.
„Erath, der Sohn Odgal's, grollte; denn ſein Bruder lag erſchlagen von Armar. Er kam, in einen Schiffer ver⸗ kleidet. Schön war ſein Nachen auf der Welle, weiß ſeine Locken vor Alter, ruhig ſein ernſtes Geſicht. Schönſte der Mädchen, ſagte er, liebliche Tochter von Armin, dort am Felſen, nicht fern in der See, dort wartet Armar auf Daura: ich komme, ſeine Liebe zu führen über die rollende See.
„Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete, als die Stimme des Felſens. Armar! mein Lieber! mein Lieber! warum ängſteſt du mich ſo? Höre, Sohn Arnath's! höre! Daura iſt's, die dich ruft!
„Erath, der Verräther, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme, rief nach ihrem Vater und Bruder: Arindal! Armin! Iſt keiner, ſeine Daura zu retten?
„Arindal betritt die Wellen in ſeinem Boote, Daura her⸗ überzubringen. Armar kam in ſeinem Grimme, drückt' ab den graubefiederten Pfeil; er klang, er ſank in dein Herz, o Arindal! mein Sohn! Statt Erath, des Verräthers, kamſt
du um; das Boot erreichte den Felſen, er ſank dran nieder,
und ſtarb. Zu deinen Füßen floß deines Bruders Blut; welch war dein Jammer, o Daura!


