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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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108 Leiden des jungen Werther's.

weiß iſt vor Alter, deſſen Augen roth ſind von Thränen? Es iſt dein Vater, o Morar! der Vater keines Sohnes außer dir! Er hörte von deinem Ruf in der Schlacht; er hörte von zerſtobenen Feinden; er hörte Morar's Ruhm! Ach! nichts von ſeiner Wunde? Weine, Vater Morar's! weinel aber dein Sohn hört dich nicht. Tief iſt der Schlaf der Todten, niedrig ihr Kiſſen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht er auf deinen Ruf. Ol wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem Schlum⸗ merer: Erwache!

Lebe wohl, edelſter der Menſchen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird dich das Feld ſehen! nimmer der düſtere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls! Du hinterlie⸗ ßeſt keinen Sohn, aber der Geſang ſoll deinen Namen er⸗

halten; künftige Zeiten ſollen von dir hören, hören von 3

dem gefallenen Morar!

Laut war die Trauer der Helden, am lauteſten Armin's

berſtender Seufzer. Ihn erinnerte es an den Tod ſeines Sohnes; er fiel in den Tagen der Jugend. Carmor ſaß nahe bei dem Helden, der Fürſt des hallenden Galmal. Warum ſchluchzet der Seufzer Armin's? ſprach er; was iſt

hier zu weinen? Klingt nicht Lied und Geſang, die Seele zu ſchmelzen und zu ergötzen? Sie ſind wie ſanfter Neber,

der ſteigend vom See auf's Thal ſprüht, und die blühen⸗ den Blumen füllet das Naß; aber die Sonne kommt wie⸗ der in ihrer Kraft, und der Nebel iſt gegangen. Warum

biſt du ſo jammervoll, Armin, Herrſcher des ſeeumfloſſenen

Gorma? 3 Jammervoll! Wohl, das bin ich, und nicht gering

die Urſache meines Wehs. Carmor, du verlorſt keinen Sohn, verlorſt keine blühende Tochter; Colgar, der tapfere,

lebt, und Amira, die ſchönſte der Mädchen. Die Zweige deines Hauſes blühen, o Carmor; aber Armin iſt der letzte

ſeines Stammes. Finſter iſt dein Bett, o Daura! dumpf iſt

dein Schlaf im Grabe. Wann erwachſt du mit deinen Geſängen, mit deiner melodiſchen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbſtes! auf! ſtürmt über die finſtere Heidel Wald⸗ ſtröme brauſt! heult, Stürme im Gipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond! zeige wechſelnd