Leiden des jungen Werther's. 107
3 Ryno.
„Vorbei ſind Wind und Regen; der Mittag iſt ſo hei⸗ teerr, die Wolken theilen ſich. Fliehend beſcheint den Hügel ddie unbeſtändige Sonne. Röthlich fließt der Strom des
Berges im Thale hin. Süß iſt dein Murmeln, Strom; doch ſüßer die Stimme, die ich höre. Es iſt Alpin's Stimme, er bejammert den Todten. Sein Haupt iſt vor Alter ge⸗ beugt, und roth ſein thränendes Auge. Alpin, trefflicher Sänger! warum allein auf dem ſchweigenden Hügeld warum jammerſt du, wie ein Windſtoß im Walde, wie eine Welle am fernen Geſtade?
3 Alpin. 3„Meine Thränen, Ryno, ſind für die Todten, meine Sctimme für die Bewohner des Grabes. Schlank biſt du auf dem Hügel, ſchön unter den Söhnen der Heide! Aber du wirſt fallen wie Morar, und auf deinem Grabe der Trauernde ſitzen. Die Hügel werden dich vergeſſen, deine Bogen in der Halle liegen ungeſpannt. 3„Du warſt ſchnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, ſchrecklich wie die Nachtfener am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert in der Schlacht wie Wetter⸗ leuchten über der Heide, deine Stimme gleich dem Wald⸗ ſtrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln. Manche fielen vor deinem Arm, die Flamme deines Grim⸗
mes verzehrte ſie. Aber wenn du wiederkehrteſt vom Kriege,
wie friedlich war deine Stimmel dein Angeſicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter, gleich dem Monde in der
ſchweigenden Nacht, ruhig deine Bruſt, wie der See, wenn
ſich des Windes Brauſen gelegt hat.
„Eng iſt nun deine Wohnung! finſter deine Stättel mit drei Schritten meſſ' ich dein Grab, o dul der du ehe ſo groß warſt! Vier Steine mit mooſigen Häuptern ſind dein einziges Gedächtniß; ein entblätterter Baum, langes Gras, das im Winde wiſpelt, deutet dem Auge des Jä⸗ gers das Grab des mächtigen Morar's. Keine Mutter haſt du, dich zu beweinen, kein Mädchen mit Thränen der Liebe; todt iſt, die dich gebar, gefallen die Tochter von Morglan.
„Wer auf ſeinem Stabe iſt das? wer iſt es, deſſen Haupt


