Leiden des jungen Werther's. 103
ſen eine Lücke zu reißen, die nicht wieder ausgefüllt werden
ckonnte. O, hätte ſie ihn in dem Augenblick zum Bruder umwandeln können, wie glücklich wäre ſie geweſen!— hätte ſie ihn einer ihrer Freundinnen verheirathen dürfen, hätte ſie hoffen können, auch ſein Verhältniß gegen Albert ganz wieder herzuſtellen!
Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht, und fand bei einer jeglichen etwas auszuſetzen, fand keine, der ſie ihn gegönnt hätte..
Ueber allen dieſen Betrachtungen fühlte ſie erſt tief, ohne ſich es deutlich zu machen, daß ihr herzliches, heimliches Verlangen ſei, ihn für ſich zu behalten, und ſagte ſich da⸗ neben, daß ſie ihn nicht behalten könne, behalten dürfe; ihr reines, ſchönes, ſonſt ſo leichtes und leicht ſich helfendes Ge⸗ müth empfand den Druck einer Schwermuth, dem die Aus⸗ ſicht zum Glück verſchloſſen iſt. Ihr Herz war gepreßt, und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge.
So war es halb ſieben geworden, als ſie Werthern die Treppe heraufkommen hörte, und ſeinen Tritt, ſeine Stimme, die nach ihr fragte, bald erkannte. Wie ſchlug ihr Herz, und wir dürfen faſt ſagen zum erſtenmal bei ſeiner Ankunft. Sie hätte ſich gern vor ihm verläugnen laſſen, und als er hereintrat, rief ſie ihm mit einer Art von leidenſchaftlicher Verwirrung entgegen: Sie haben nicht Wort gehalten!— Ich habe nichts verſprochen, war ſeine Antwort. So hätten Sie wenigſtens meiner Bitte Statt geben ſollen, verſetzte ſie; ich bat Sie um unſerer beider Ruhe.
Sie wußte nicht recht, was ſie ſagte, eben ſo wenig was ſie that, als ſie nach einigen Freundinnen ſchickte, um nicht mit Werthern allein zu ſein. Er legte einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragte nach andern, und ſie wünſchte, bald daß ihre Freundinnen kommen, bald daß ſie wegblei⸗ ben möchten. Das Mädchen kam zurück und brachte die Nachricht, daß ſich beide entſchuldigen ließen.
Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Ne⸗ benzimmer ſitzen laſſen, dann beſann ſie ſich wieder anders. Werther ging in der Stube auf und ab; ſie trat an's Cla⸗ vier und fing eine Menuet an, ſie wollte nicht fließen. Sie nahm ſich zuſammen, und ſetzte ſich gelaſſen zu Werthern,


