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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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102 Leiden des jungen Werther's.

Gegen fünf Uhr kam er nach Hauſe, befahl der Magd, nach dem Feuer zu ſehen, und es bis in die Nacht zu unter⸗ halten. Den Bedienten hieß er Bücher und Wäſche unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen. Darauf ſchrieb er wahrſcheinlich folgenden Abſatz ſeines letzten Brie⸗ fes an Lotten:

Du erwarteſt mich nicht! du glaubſt, ich würde gehor⸗ chen, und erſt Weihnachtsabend dich wiederſehen. O Lotte! heut oder nie mehr! Weihnachtsabend hältſt du dieſes Papier in deiner Hand, zitterſt, und benetzeſt es mit deinen lieben

Thränen. Ich will, ich muß! Ol wie wohl iſt es mir,

daß ich entſchloſſen bin!

Lotte war indeß in einen ſonderbaren Zuſtand gerathen. Nach der letzten Unterredung mit Werthern hatte ſie em⸗ pfunden, wie ſchwer es ihr fallen werde, ſich von ihm zu trennen, was er leiden würde, wenn er ſich von ihr entfer⸗ nen ſollte.

Es war wie im Vorübergehen in Albert's Gegenwart ge⸗ ſagt worden, daß Werther vor Weihnachtsabend nicht wieder⸗ kommen werde, und Albert war zu einem Beamten in der Nachbarſchaft geritten, mit dem er Geſchäfte abzuthun hatte, und wo er über Nacht ausbleiben mußte.

Sie ſaß nun allein, keins von ihren Geſchwiſtern war um ſie; ſie überließ ſich ihren Gedanken, die ſtille über ihren Verhältniſſen herumſchweiften. Sie ſah ſich nun mit dem Mann auf ewig verbunden, deſſen Liebe und Treue ſie kannte, dem ſie von Herzen zugethan war, deſſen Ruhe, deſſen Zu⸗ verläſſigkeit recht vom Himmel dazu beſtimmt zu ſein ſchien, daß eine wackere Frau das Glück ihres Lebens darauf grün⸗ den ſollte; ſie fühlte, was er ihr und ihren Kindern auf im⸗ mer ſein würde. Auf der andern Seite war ihr Werther ſo theuer geworden, gleich von dem erſten Augenblick ihrer Bekanntſchaft an hatte ſich die Uebereinſtimmung ihrer Ge⸗ müther ſo ſchön gezeigt, der lange dauernde Umgang mit ihm, ſo manche durchlebte Situationen hatten einen unaus⸗ löſchlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was ſie Intereſſantes fühlte und dachte, war ſie gewohnt, mit ihm zu theilen, und ſeine Entfernung drohete, in ihr ganzes We⸗