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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's. 101

and das will ich ſein! O meine Beſte! in dieſem zerriſſenen Herzen iſt es wüthend herumgeſchlichen oft deinen Mann zu ermorden! dich! mich! So ſei es! Wenn du hinaufſteigſt auf den Berg an einem ſchönen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich ſo oft das Thal herauf⸗ kam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach mei⸗ nem Grabe! wie der Wind das hohe Gras im Scheine der ſinkenden Sonne hin und her wiegt! Ich war ruhig, da ich anfing; nun, nun weine ich wie ein Kind, da alles da

ſo lebhaft um mich wird.

Gegen zehn Uhr rief Werther ſeinen Bedienten, und unter dem Anziehen ſagte er ihm, wie er in einigen Tagen verreiſen würde, er ſolle daher die Kleider auskehren, und alles zum Einpacken zurecht machen; auch gab er ihm Be⸗ fehl, überall Conto's zu fordern, einige ausgeliehene Bücher abzuholen, und einigen Armen, denen er wöchentlich etwas zu geben gewohnt war, ihr Zugetheiltes auf zwei Monate vorauszubezahlen.

Er ließ ſich das Eſſen auf die Stube bringen, und nach Tiſche ritt er hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hauſe antraf. Er ging tiefſinnig im Garten auf und ab, und ſchien noch zuletzt alle Schwermuth der Erinnerung auf ſich häufen zu wollen.

Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, ſie verfolg⸗ ten ihn, ſprangen an ihm hinauf, erzählten ihm, daß, wenn morgen, und wieder morgen, und noch ein Tag wäre, ſie die Chriſtgeſchenke bei Lotten holten, und erzählten ihm Wunder, die ſich ihre kleine Einbildungskraft verſprach. Morgen! rief er aus, und wieder morgen! und noch ein Tag! und küßte ſie alle herzlich, und wollte ſie verlaſſen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr ſagen wollte. Der verrieth ihm, die großen Brüder hätten ſchöne Neu⸗ jahrswünſche geſchrieben, ſo groß! und einen für den Papa, für Albert und Lotten einen, auch einen für Herrn Werther; die wollten ſie am Neujahrstage früh überreichen. Das übermannte ihn; er ſchenkte jedem etwas, ſetzte ſich zu Pferde, ließ den Alten grüßen, und ritt mit Thränen in den Au⸗ gen davon.