Leiden des jungen Werther's. 77
oft denannt, den er von ſeinem Großvater gehört hatte; ſo ein braver Mann ſoll es geweſen ſein, und ſein Andenken war mir immer heilig unter den Bäumen. Ich ſage dir, dem Schulmeiſter ſtanden die Thränen in den Augen, da wir geſtern davon redeten, daß ſie abgehauen worden.— Abgehauen! Ich möchte toll werden, ich könnte den Hund ermorden, der den erſten Hieb dran that. Ich, der ich mich vertrauern könnte, wenn ſo ein paar Bäume in meinem Hofe ſtänden, und einer davon ſtürbe vor Alter ab, ich muß zuſehen.— Lieber Schatz, eins iſt doch dabei! Was Men⸗ ſchengefühl iſt! Das ganze Dorf murrt, und ich hoffe, die Frau Pfarrerin ſoll es an Butter und Eiern und übrigem Zutrauen ſpüren, was für eine Wunde ſie ihrem Orte ge⸗ geben hat. Denn ſie iſt es, die Frau des neuen Pfarrers (unſer alter iſt auch geſtorben), ein hageres, kränkliches Ge⸗ ſchöpf, das ſehr Urſache hat, an der Welt keinen Antheil zu nehmen; denn niemand nimmt Antheil an ihr. Eine När⸗ rin, die ſich abgiebt, gelehrt zu ſein, ſich in die Unterſu⸗ chung des Kanons melirt, gar viel an der neumodiſchen, moraliſch⸗critiſchen Reformation des Chriſtenthums arbeitet, und über Lavaters Schwärmereien die Achſeln zuckt, eine ganz zerrüttete Geſundheit hat, und deßwegen auf Gottes Errdboden keine Freude. So einer Creatur war es auch allein möglich, meine Nußbäume abzuhauen. Siehſt du, ich komme nicht zu mir! Stelle dir vor, die abfallenden Blät⸗ ter machen ihr den Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen ihr das Tageslicht, und wenn die Nüſſe reif ſind, ſo werfen die Knaben mit Steinen darnach, und das fällt ihr auf die Nerven, das ſtört ſie in ihren tiefen Ueberlegun⸗ gen, wenn ſie Kennikot, Semler und Michaelis gegen ein⸗ ander abwiegt. Da ich die Leute im Dorfe, beſonders die Alten, ſo unzufrieden ſah, ſagte ich: Warum habt ihr es gelitten?— Wenn der Schulze will, hier zu Lande, ſagten ſie, was kann man machen? Aber eins iſt recht ge⸗ ſchehen! der Schulze und der Pfarrer, der doch auch von ſeiner Frau Grillen, die ihm ohnedieß die Suppen nicht fett machen, was haben wollte, dachten es mit einander zu thei⸗ len; da erfuhr es die Kammer, und ſagte: Hier herein! denn ſie hatte noch alte Prätenſionen an den Theil des


