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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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76 Leiden des jungen Werther's.

Heute trat ich in ihre Stube; ſie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tauſend Freuden.

Ein Kanarienvogel flog von dens Spiegel ihr auf die Schulter. Einen neuen Freund! ſagte ſie, und lockte ihn auf ihre Hand; er iſt meinen Kleinen zugedacht. Er thut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brod gebe, flattert er mit den Flügeln, und pickt ſo artig. Er küßt mich auch, ſehen Sie!

Als ſie dem Thierchen den Mund hinhielt, drückte es ſich ſo lieblich in die ſüßen Lippen, als wenn es die Se⸗ ligkeit hätte fühlen können, die es genoß.

Er ſoll Sie auch küſſen, ſagte ſie, und reichte den Vogel herüber. Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genuſſes.

Sein Kuß, ſagte ich, iſt nicht ganz ohne Begierde; er ſucht Nahrung, und kehrt unbefriedigt von der leeren Leeb⸗ koſung zurück. Er ißt mir auch aus dem Mundo, ſagte ſie. Sie reichte ihm einige Broſamen mit ihren Lippen, aus de⸗ nen die Freuden unſchuldig theilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten..

Ich kehrte das Geſicht weg. Sie ſollte es nicht thun! ſollte nicht meine Einbildungskraft mit dieſen Bildern himm⸗ liſcher Unſchuld und Seligkeit reizen, und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal die Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken!— Und warum nicht?— Sie traut mir ſol ſie weiß, wie ich ſie liebe!

Am 15. September.

Man möchte raſend werden, Wilhelm, daß es Men⸗ ſchen geben ſoll, ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was auf Erden noch einen Werth hat. Du kennſt die Nuß⸗ bäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St. mit Lotten geſeſſen, die herrlichen Nußbäume, die mich, Gott weiß! immer mit dem größten Seelenvergnügen füll⸗ ten! Wie vertraulich ſie den Pfarrhof machten, wie kühl!

und wie herrlich die Aeſte waren! und die Erinnerung bis

zu den ehrlichen Geiſtlichen, die ſie vor ſo vielen Jahren pflanzten! Der Schulmeiſter hat uns den einen Namen