Leiden des jungen Werther's. 75
Dieſe Liebe, dieſe Treue, dieſe Leidenſchaft iſt alſo keine dichteriſche Erfindung, ſie lebt, ſie iſt in ihrer größten Rein⸗ heit unter der Klaſſe von Menſchen, die wir ungebildet, die wir roh nennen. Wir Gebildeten— zu nichts Verbildeten! Lies die Geſchichte mit Andacht, ich bitte dich. Ich bin heute ſtill, indem ich das hinſchreibe; du ſiehſt an meiner Hand, daß ich nicht ſo ſtrudele und ſudele, wie ſonſt. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, daß es auch die Geſchichte dei⸗ nes Freundes iſt! Ja, ſo iſt mir's gegangen ſo wird mir's gehen, und ich bin nicht halb ſo brav, nicht halb ſo ent⸗ ſchloſſen, als der arme Unglückliche, mit dem ich mich zu vergleichen mich faſt nicht getraue.
Am 5. September.
Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann auf's Land ge⸗ ſchrieben, wo er ſich Geſchäfte wegen aufhielt. Es fing an: Beſter, Liebſter, komme, ſobald du kannſt! ich erwarte dich mit tauſend Freuden.— Ein Freund, der hereinkam, brachte Nachricht, daß er wegen gewiſſer Umſtände ſo bald noch nicht zurückkehren würde. Das Billet blieb liegen, und fiel mir Abends in die Hände. Ich las es und lächelte; ſie fragte, worüber?— Was die Einbildungskraft für ein gött⸗ liches Geſchenk iſt! rief ich aus; ich konnte mir einen Au⸗ genblick vorſpiegeln, als wäre es an mich geſchrieben. Sie brach ab; es ſchien ihr zu mißfallen, und ich ſchwieg.
Am 6. September.
Es hat ſchwer gehalten, bis ich mich entſchloß, meinen blauen, einfachen Frack, in dem ich mit Lotten zum erſten⸗ mal tanzte, abzulegen; er ward aber zuletzt gar unſchein⸗ bar. Auch habe ich mir einen machen laſſen, ganz wie den vorigen, Kragen und Auſfſchlag, und auch wieder ſo gelbe Weſte und Beinkleider dazu.
Ganz will es doch die Wirkung nicht thun. Ich weiß wiiht— Ich denke, mit der Zeit ſoll mir der auch lieber werden.
Am 12. September. Sie war einige Tage verreiſ't, Alberten abzuholen.


