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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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74 Leiden des jungen Werther's.

bringen möchte. Da er eine Zeit lang geredet hatte, fing er

an zu ſtocken, wie einer, der noch etwas zu ſagen hat, und

ſich es nicht herauszuſagen getraut; endlich geſtand er mir auch mit Schüchternheit, was ſie ihm für kleine Vertrau⸗

lichkeiten erlaubt, und welche Nähe ſie ihm vergönnet. Er

brach zwei⸗, dreimal ab, und wiederholte die lebhafteſten

Proteſtationen, daß er das nicht ſage, um ſie ſchlecht zu machen, wie er ſich ausdrückte, daß er ſie liebe und ſchätze, wie vorher, daß ſo etwas nicht über ſeinen Mund gekom⸗

men ſei, und daß er es mir nur ſage, um mich zu über⸗ zeugen, daß er kein ganz verkehrter und unſinniger Menſch

ſei.— Und hier, mein Beſter, fang' ich mein altes Lied wie⸗ der an, das ich ewig anſtimmen werde: Könnt' ich dir den

Menſchen vorſtellen, wie er vor mir ſtand, wie er noch vor mir ſteht! Könnt' ich dir alles recht ſagen, damit dnu

fühlteſt, wie ich an ſeinem Schickſale Theil nehme, Theil nehmen muß! Doch genug! da du auch mein Schickſal kennſt, auch mich kennſt, ſo weißt du nur zu wohl, was mich zu allen Unglücklichen, was mich beſonders zu dieſem Unglücklichen hinzieht.

Da ich das Blatt wieder durchleſe, ſeh ich, daß ich das

Ende der Geſchichte zu erzählen vergeſſen habe, das ſich aber Aeicht hinzudenken läßt. Sie erworhrie ſich ſein; ihr Bruder

kam dazu, der ihn ſchon lange gehaßt, der ihn ſchon lange

aus dem Hauſe gewünſcht hatte, weil er fürchtete, durch eine

neue Heirath der Schweſter werde ſeinen Kindern die Erb⸗ ſchaft entgehen, die ihnen jetzt, da ſie kinderlos iſt, ſchöne Hoffnungen giebt; dieſer habe ihn gleich zum Hauſe hin⸗ ausgeſtoßen und einen ſolchen Lärm von der Sache gemacht,

daß die Frau, auch ſelbſt wenn ſie gewollt, ihn nicht wieder 3

hätte aufnehmen können. Jetzo habe ſie wieder einen an⸗ dern Knecht genommen; auch über den, ſage man, ſei ſie mit dem Bruder zerfallen, und man behaupte für gewiß, ſie erde 5 heirathen, aber er ſei feſt entſchloſſen, das nicht zu erleben.

Was ich dir erzähle, iſt nicht übertrieben, nichts ver⸗ zärtelt; ja, ich darf wohl ſagen, ſchwach, ſchwach hab' ich's erzählt, und vergröbert hab' ich’s, indem ich's mit unſern hergebrachten ſittlichen Worten vorgetragen habe.