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Leiden des jungen Werther's. 73
Am 4. September.
Ja, es iſt ſo! Wie die Natur ſich zum Herbſte neigt, wird es Herbſt in mir und um mich her. Meine Blätter werden gelb, und ſchon ſind die Blätter der benachbarten Bäume abgefallen. Hab' ich dir nicht einmal von einem Bauerburſchen geſchrieben, gleich da ich herkam? Jetzt er⸗ kundigte ich mich wieder nach ihm in Wahlheim; es hieß,
er ſei aus dem Dienſte gejagt worden, und niemand wollte
was weiter von ihm wiſſen. Geſtern traf ich ihn von un⸗
gefähr auf dem Wege nach einem andern Dorfe; ich redete
ihn an, und er erzählte mir ſeine Geſchichte, die mich dop⸗ pelt und dreifach gerührt hat, wie du leicht begreifen wirſt, wenn ich dir ſie wieder erzähle. Doch wozu das alles? warum behalt' ich nicht für mich, was mich ängſtigt und kränkt? warum betrüb' ich noch dich? warum geb' ich dir immer Gelegenheit, mich zu bedauern und mich zu ſchelten? Sei's denn! auch das mag zu meinem Schickſal gehören.
Mit einer ſtillen Traurigkeit, in der ich ein wenig ſcheues Weſen zu bemerken ſchien, antwortete der Menſch mir erſt auf meine Fragen; aber gar bald offener, als wenn er ſich und mich auf einmal wieder erkennte, geſtand er mir ſeine Fehler, klagte er mir ſein Unglück. Könnt' ich dir, mein
Freund, jedes ſeiner Worte vor Gericht ſtellen! Er bekannte,
ja er erzählte mit einer Art von Genuß und Glück der Wie⸗ dererinnerung, daß die Leidenſchaft zu ſeiner Hausfrau ſich in ihm tagtäglich vermehrt, daß er zuletzt nicht gewußt habe, was er thue, nicht, wie er ſich ausdrückte, wo er mit dem Kopfe hin geſollt? Er habe weder eſſen, noch trinken, noch ſchlafen können; es habe ihm an der Kehle geſtockt; er habe gethan, was er nicht thun ſollen; was ihm aufgetra⸗ een worden, hab' er vergeſſen; er ſei als wie von einem böſen Geiſt verfolgt geweſen; bis er eines Tags, als er ſie in einer obern Kammer gewußt, ihr nachgegangen, ja viel⸗ mehr ihr nachgezogen worden ſei. Da ſie ſeinen Bitten kein Gehör gegeben, hab' er ſich ihrer mit Gewalt bemäch⸗ tigen wollen; er wiſſe nicht, wie ihm geſchehen ſei, und nehme Gott zum Zeugen, daß ſeine Abſichten gegen ſie im⸗ mer redlich geweſen, und daß er nichts ſehnlicher gewünſcht, als daß ſie ihn heirathen, daß ſie mit ihm ihr Leben zu⸗


