72 usden des jungen Werther's.
Am 4. Auguſt.
Es geht mir nicht allein ſo. Alle Menſchen werden in ihren Hoffnungen getäuſcht, in ihren Erwartungen betrogen. Ich beſuchte mein gutes Weib unter der Linde. Der älteſte Junge lief mir entgegen; ſein Freudengeſchrei führte die Mutter herbei, die ſehr niedergeſchlagen ausſah. Ihr erſtes Wort war: Guter Herr, ach! mein Hans iſt mir geſtorben! Es war der jüngſte ihrer Knaben. Ich war ſtille. Und mein Mann, ſagte ſie, iſt aus der Schweiz zurück, und hat nichts mitgebracht, und ohne gute Leute hätte er ſich heraus betteln müſſen; er hatte das Fieber unterwegs gekriegt.— Ich konnte ihr nichts ſagen, und ſchenkte dem Kleinen was; ſie bat mich, einige Aepfel anzunehmen, das ich that, und den Ort des traurigen Andenkens verließ.
Am 21. Auguſt.
Wie man eine Hand umwendet, iſt es anders mit mir. Manchmal will wohl ein freudiger Blick des Lebens wieder aufdämmern, ach! nur für einen Augenblick!— Wenn ich mich ſo in Träumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn Albert ſtürbe? Du würdeſt! ja, Sie würde— und dann laufe ich dem Hirngeſpinſte nach, bis es mich an Abgründe führet, vor denen ich zu⸗ rückbebe.
Wenn ich zum Thor hinausgehe, den Weg, den ich zum erſtenmal fuhr, Lotten zum Tanze zu holen, wie war das ſo ganz anders! Alles, alles iſt vorüber gegangen! Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsſchlag meines damaligen Gefühles. Mir iſt es, wie es einem Geiſte ſein müßte, der in das ausgebrannte, zerſtörte Schloß zurückkehrte, das er als blühender Fürſt einſt gebaut, und, mit allen Gaben der Herrlichkeit ausgeſtattet, ſterbend ſeinem geliebten Sohne hoffnungsvoll hinterlaſſen hatte.
Am 3. September.
Ich begreife manchmal nicht, wie ſie ein anderer lieb haben kaun, lieb haben darf, da ich ſie ſo ganz allein, ſo innig, ſo voll liebe, nichts anders kenne, noch weiß, noch habe, als ſie. 3
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