Leiden des jungen Werther's. 71
wenn ich ihn mit warmer Imagination an Natur und Kunſt
herumführe, und er es auf einmal recht gut zu machen
denkt, wenn er mit einem geſtempelten Kunſtworte drein
ſtolpert. 3 Am 16. Julius.
Ja, wohl bin ich nur ein Wanderer, ein Waller auf
der Erde! Seid ihr denn mehr?
Am 18. Julius.
Wo ich hin will? Das laß dir im Vertrauen eröffnen.
Vierzehn Tage muß ich doch noch hier bleiben, und dann
habe ich mir weiß gemacht, daß ich die Bergwerke im esſchen beſuchen wollte; iſt aber im Grunde nichts dran; ich will nur Lotten wieder näher, das iſt alles. Und ich lache über mein eigenes Herz— und thu' ihm ſeinen Willen.
Am 29. Julius.
Nein, es iſt gut! es iſt alles gut!— Ich ihr Mann! O Gott, der du mich machteſt, wenn du mir dieſe Selig⸗ keit bereitet hätteſt, mein ganzes Leben ſollte ein anhalten⸗ des Gebet ſein. Ich will nicht rechten, und verzeihe mir dieſe Thränen, verzeihe mir meine vergeblichen Wünſche! — Sie meine Frau! Wenn ich das liebſte Geſchöpf unter der Sonne in meine Arme geſchloſſen hätte!— Es geht mir ein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert ſie um den ſchlanken Leib faßt.
Und darf ich es ſagen? Warum nicht, Wilhelm? Sie wäre mit mir glücklicher geworden, als mit ihm! Ol! er iſt nicht der Menſch, die Wünſche dieſes Herzens alle zu füllen. Ein gewiſſer Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel — nimm es, wie du willſt!— daß ſein Herz nicht ſym⸗ pathetiſch ſchlägt, bei— oh!— bei der Stelle eines lieben Buches, wo mein Herz und Lottens in Einem zuſammen⸗ treffen; in hundert andern Vorfällen, wenn es kommt, daß unſere Empfindungen über eine Handlung eines Dritten laut werden. Lieber Wilhelm!— Zwar er liebt ſie von gan⸗ zer Seele, und ſo eine Liebe, was verdient die nicht!—
Ein unerträglicher Menſch hat mich unterbrochen. Meine Thränen ſind getrocknet. Ich bin zerſtreut. Adieu, Lieber!


