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70 Leiden des jungen Werther's.
und einfach. Wunderliche Menſchen ſind um ihn herum, die ich gar nicht begreife. Sie ſcheinen keine Schelme, und ha⸗ ben doch auch nicht das Anſehen von ehrlichen Leuten. Manchmal kommen ſie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen. Was mir noch leid thut, iſt, daß er oft von Sachen redet, die er nur gehört und geleſen hat, und zwar aus eben dem Geſichtspunkte, wie ſie ihm der andere vorſtellen mochte. 8 Auch ſchätzt er meinen Verſtand und meine Talente mehr, als dies Herz, das doch mein einziger Stolz iſt, das ganz allein die Quelle von Allem iſt, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes. Ach! was ich weiß, kann je⸗ der wiſſen— mein Herz habe ich allein. Am 25. Mai. 5 Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nichts ſagen wollte, bis es ausgeführt wäre: jetzt, da nichts draus wird, iſt es eben ſo gut. Ich wollte in den Krieg; das hat mir lange am Herzen gelegen. Vornehmlich darum bin ich dem Fürſten hierher gefolgt, der General in*Er Dienſten iſt. Auf einem Spaziergang entdeckte ich ihm mein Vorhaben; er widerrieth mir es, und es müßte bei mir mehr Leiden⸗ ſchaft als Grille geweſen ſein, wenn ich ſeinen Gründen nicht hätte Gehör geben wollen.
Am 11. Julius.
Sage, was du willſt, ich kann nicht länger bleiben. Was ſoll ich hier? Die Zeit wird mir lang. Der Fürſt hält mich, ſo gut man nur kann, und doch bin ich nicht in meiner Lage. Wir haben im Grunde nichts gemein mit ein⸗ ander. Er iſt ein Mann von Verſtande, aber von ganz gemeinem Verſtande; ſein Umgang unterhält mich nicht mehr, als wenn ich ein wohlgeſchriebenes Buch leſe. Noch acht Tage bleibe ich, und dann ziehe ich wieder in der Irre herum. Das Beſte, was ich hier gethan habe, iſt mein Zeichnen. Der Fürſt fühlt in der Kunſt, und würde noch ſtärker fühlen, wenn er nicht durch das garſtige wiſſenſchaft⸗ liche Weſen und durch die gewöhnliche Terminologie einge⸗ ſchränkt wäre. Manchmal knirſche ich mit den Zähnen,


