Leiden des jungen Werther's. 65
3 er, unſere wunderbaren Verhältniſſe: die Geſellſchaft iſt un⸗ zufrieden, merke ich, Sie hier zu ſehen. Ich wollte nicht
uum alles— Ihro Exeellenz, fiel ich ein, ich bitte tauſend⸗
mal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken ſollen, und ich weiß, Sie vergeben mir dieſe Inconſequenz. Ich wollte ſſcchon vorhin mich empfehlen, ein böſer Genius hat mich zurückgehalten, ſetzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich naeigte. Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfin⸗
dung, die alles ſagte. Ich ſtrich mich ſachte aus der vor⸗
nehmen Geſellſchaft, ging, ſetzte mich in ein Cabriolet, und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu ſehen, und dabei in meinem Homer den herrlichen Geſang zu leſen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinhirten be⸗ wirthet wird. Das war alles gut. Des Abends komme ich zurück zu Tiſche, es waren noch wenige in der Gaſtſtube; die würfelten auf einer Ecke, hat⸗ ten das Tiſchtuch zurück geſchlagen. Da kommt der ehrliche A. hinein, legt ſeinen Hut nieder, indem er mich anſieht, tritt zu mir, und ſagt leiſe: Du haſt Verdruß gehabt? Ich; ſagte ich. Der Graf hat dich aus der Geſellſchaft ge⸗ wwieſen.— Hole ſie der Teufel! ſagt' ich; mir war's lieb, daß ich in die freie Luft kam.— Gut, ſagte er, daß du es auf die leichte Achſel nimmſt! Nur verdrießt mich's, es
iſt ſchon überall herum.— Da fing mich das Ding erſt
an zu wurmen. Alle, die zu Tiſche kamen, und mich an⸗ Phen, dachte ich, die ſehen dich darum an! Das gab böſes ut.
Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich be⸗ dauert, da ich höre, daß meine Neider nun triumphiren, und ſagen, da ſähe man's, wo es mit den Uebermüthigen hinausginge, die ſich ihres bißchen Kopfs überhöben, und glaubten ſich darum über alle Verhältniſſe hinausſetzen zu
dürfen, und was des Hundegeſchwätzes mehr iſt— da möchte man ſich ein Meſſer in's Herz bohren; denn man rede von Selbſtſtändigkeit, was man will, den will ich ſe⸗ hen, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn ſie einen Vortheil über ihn haben; wenn ihr Geſchwätze leer iſt, ach! da kann man ſie leicht laſſen.
en


