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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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64 Leiden des jungen Werther's.

Der Graf von C. liebt mich, diſtinguirt mich, das iſt be⸗ kannt, das habe ich dir ſchon hundertmal geſagt. Nun war ich geſtern bei ihm zu Tafel, eben an dem Tage, da Abends

die noble Geſellſchaft von Herren und Frauen bei ihm zu⸗

ſammenkommt, an die ich nicht gedacht habe, auch mir nie aufgefallen iſt, daß wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich ſpeiſe bei dem Grafen, und nach Tiſche gehen wir in dem großen Saal auf und ab; ich rede mit ihmn, mit dem Obriſten B., der dazu kommt, und ſo rückt die Stunde der Geſellſchaft heran. Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S. mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter, mit der flachen Bruſt und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zu⸗ wider iſt, wollte ich mich eben empfehlen, und wartete nur, bis der Graf vom garſtigen Gewäſche frei wäre, als meine Fräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein biß⸗ chen aufgeht, wenn ich ſie ſehe, blieb ich eben, ſtellte mich hinter ihren Stuhl, und bemerkte erſt nach einiger Zeit, daß

ſie mit weniger Offenheit als ſonſt, mit einiger Verlegen⸗ heit mit mir redete. Das fiel mir auf. Iſt ſie auch wie alle das Volk! dachte ich, und war angeſtochen, und wollte gehen; und doch blieb ich, weil ich ſie gerne entſchuldigt

hätte, und es nicht glaubte, und noch ein gut Wort von ihr

hoffte, und— was du willſt. Unterdeſſen füllt ſich die Ge⸗ ſellſchaft. Der Baron F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des erſten her, der Hofrath R. hier aber in qualitate Herr von R. genannt, mit ſeiner

tauben Fran ac., den übel fournirten J. nicht zu vergeſſen, der die

Ich dachte— und gab nur auf meine B. Acht. Ich merkte nicht, daß die Weiber am Ende des Saales ſich in die Oh⸗ ren flüſterten, daß es auf die Männer circulirte, daß Frau

von S. mit dem Grafen redete(das alles hat mir Fräu⸗

lein B. nachher erzähet), bis endlich der Graf auf mich los

ging, und mich in ein Fenſter nahm. Sie wiſſen, ſagte

—

ücken ſeiner altfränkiſchen Garderobe mit neumodi⸗ ſchen Lappen ausflickt: das kommt zu Hauf, und ich rede mit einigen meiner Bekanntſchaft, die alle ſehr lakoniſch ſind.