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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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58 Leiden des jungen Werther's.

nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, ſo ver⸗ ſteht er gar nichts drin. Das iſt ein Leiden, mit ſo einem Menſchen zu thun zu haben.

Das Vertrauen des Grafen von C. iſt noch das Ein⸗ zige, was mich ſchadlos hält. Er ſagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der Langſamkeit und Be⸗ denklichkeit meines Geſandten ſei. Die Leute erſchweren es ſich und andern, doch, ſagte er, man muß ſich darein re⸗ ſigniren, wie ein Reiſender, der über einen Berg muß; freilich wäre der Berg nicht da, ſo wäre der Weg viel be⸗ uemer und kürzer; er, iſt nun aber da, und man ſoll ſinüber!—

Mein Alter ſpürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm giebt, und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Uebels gegen mich vom Grafen zu reden: ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur ſchlimmer. Geſtern gar brachte er mich auf; den ich war mit gemeint: Zu ſo Weltgeſchäften ſei der Graf

ganz gut, er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten, und führe eine gute Feder; doch an gründlicher Gelehrſamkeit mangle es ihm, wie allen Belletriſten. Dazu machte er eine Miene, als ob er ſagen wollte, Fühlſt du den Stich? Aber es that bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete den Menſchen, der ſo denken und ſich ſo betragen konnte. Ich hielt ihm Stand, und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich ſagte, der Graf ſei ein Mann, vor dem man Achtung haben müſſe, wegen ſeines Charakters ſowohl, als wegen ſeiner Kennt⸗ niſſe. Ich habe, ſagt' ich, niemand gekannt, dem es ſo geglückt wäre, ſeinen Geiſt zu erweitern, ihn über unzählige Gegenſtände zu verbreiten, und doch dieſe Thätigkeit für's gemeine Leben zu behalten. Das waren dem Gehirne Spa⸗ niſche Dörfer, und ich empfahl mich, um nicht über ein wei⸗ teres Deräſonnement noch mehr Galle zu ſchlucken.

Und daran ſeid ihr alle Schuld, die ihr mich in das Joch geſchwatzt, und mir ſo viel von Activität vorgeſungen habt. Activität! Wenn nicht der mehr thut, der Kartof⸗ feln legt, und in die Stadt reitet, ſein Korn zu verkaufen, als ich, ſo will ich zehn Jahre mich noch auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun angeſchmiedet bin!