Leiden des jungen Werther's. 59
Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garſtigen Volke, das ſich hier neben einander ſieht! Die Rangſucht unter ihnen, wie ſie nur wachen und aufpaſſen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; die elendeſten, er⸗ bärmlichſten Leidenſchaften, ganz ohne Röckchen. Da iſt ein Weib, zum Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält, ſo daß jeder Fremde denken muß: Das iſt eine Närrin, die ſich auf das bischen Adel und auf den Ruf ihres Landes Wunderſtreiche einbildet.— Aber es iſt noch viel ärger: eben das Weib iſt hier aus der Nach⸗ barſchaft eine Amtsſchreiberstochter.— Sieh, ich kann das Menſchengeſchlecht nicht begreifen, das ſo wenig Sinn hat, um ſich ſo platt zu proſtituiren.
Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie thöricht man iſt, andere nach ſich zu berechnen. Und weil ich ſo viel mit mir ſelbſt zu thun habe, und dieſes Herz ſo ſtürmiſch iſt— achl ich laſſe gern die andern ihres Pfades gehen, wenn ſie mich nur auch könnten gehen laſſen.
Was mich am meiſten neckt, ſind die fatalen bürger⸗ lichen Verhältniſſe. Zwar weiß ich ſo gut als einer, wie nöthig der Unterſchied der Stände iſt, wie viel Vortheile er mir ſelbſt verſchafft; nur ſoll er mir nicht eben gerade im Wege ſtehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück auf dieſer Erde genießen könnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange eine Fräulein von B. kennen, ein liebenswürdiges Geſchöpf, das ſehr viel Natur mitten in dem ſteifen Leben erhalten hat. Wir gefielen uns in unſerem Geſpräche, und da wir ſchieden, bat ich ſie um Erlaubniß, ſie bei ſich ſehen zu dürfen. Sie geſtattete mir das mit ſo vieler Freimüthigkeit, daß ich den ſchicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sie iſt nicht von hier, und wohnt bei einer Tante im Hauſe. Die Phyſiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel Aufmerkſamkeit, mein Geſpräch war meiſt an ſie ge⸗ wandt, und in minder als einer halben Stunde hatte ich ſo ziemlich weg, was mir das Fräulein hernach ſelbſt ge⸗ ſtand: daß die liebe Tante in ihrem Alter Mangel an allem, kein anſtändiges Vermögen, keinen Geiſt, und keine Stütze hat, als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm, als


