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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther’s. 57

eine gewiſſe idealiſche Behaglichkeit dazu. Und ſo iſt der Glückliche vollkommen fertig, das Geſchöpf unſerer ſelbſt.

Daeßen wenn wir mit all unſerer Schwachheit und Mühſeligkeit nur gerade fortarbeiten, ſo finden wir gar oft, daß wir mit unſerem Schlendern und Laviren es weiter bringen, als andere mit ihrem Segeln und Rudern— und das iſt doch ein wahres Gefühl ſeiner ſelbſt, wenn man andern gleich oder gar vorläuft.

Am 26. November 1771.

Ich fange an, mich in ſofern ganz leidlich hier zu befin⸗ den. Das Beſte iſt, daß es zu thun genug giebt; und dann die vielerlei Menſchen, die allerlei neuen Geſtalten machen mir ein buntes Schauſpiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen C. kennen lernen, einen Mann, den ich jeden Tag mehr verehren muß, einen weiten, großen Kopf, und der deßwegen nicht kalt iſt, weil er viel überſieht; aus deſe ſen Umgange ſo viel Empfindung für Freundſchaft und Liebe hervorleuchtet. Er nahm Theil an mir, als ich einen Ge⸗ ſchäftsauftrag an ihn ausrichtete, und er bei den erſten Worten merkte, daß wir uns verſtanden, daß er mit mir reden konnte, wie nicht mit jedem. Auch kann ich ſein offe⸗ nes Betragen gegen mich nicht genug rühmen. So eine wahre, warme Freude iſt nicht in der Welt, als eine große Seele zu ſehen, die ſich gegen Einen öffnet.

Am 24. December 1771.

Der Geſandte macht mir viel Verdruß; ich habe es vorausgeſehen. Er iſt der pünktlichſte Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt, und umſtändlich wie eine Baſe; ein Menſch, der nie mit ſich ſelbſt zufrieden iſt, und dem es daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es ſteht, ſo ſteht es: da iſt er im Stande, mir einen Aufſatz zurückzugeben und zu ſagen: Er iſt gut, aber ſehen Sie ihn durch; man findet immer ein beſſeres Wort, eine reinere Partikel. Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, kein Bindewörtchen darf außenbleiben, und von allen Inverſionen, die mir manchmal entfahren, iſt er ein Todfeind; wenn man ſeinen Perioden