56 Leiden des jungen Werther's.
auf, und lief auf die Terraſſe hervor, und ſah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach der Gartenthür ſchimmern, ich ſtreckte meine Arme aus, und es verſchwand.
Zweites Buch.
Am 20. Octkober 1771.
Geſtern ſind wir hier angelangt. Der Geſandte iſt un⸗ paß, und wird ſich alſo einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht ſo unhold wäre, wär' alles gut. Ich merke, ich merke, das Schickſal hat mir harte Prüfungen zugedacht. Doch gutes Muths! Ein leichter Sinn trägt alles! Ein leichter Sinn? das macht mich zu lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O, ein bischen leichteres Blut würde mich zum Glücklichſten unter der Sonne machen. Was! da, wo andere mit ihrem bischen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbſtgefälligkeit herumſchwadroniren, ver⸗ zweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben? Guter Gott, der du mir das alles ſchenkteſt, warum hielteſt du nicht die Hälfte zurück, und gabſt mir Selbſtvertrauen und Genügſamkeit!
Geduld! Geduld! es wird beſſer werden; denn ich ſage dir, Lieber, du haſt Recht. Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und ſehe, was ſie thun, und wie ſie's treiben, ſtehe ich viel beſſer mit mir ſelbſt. Gewiß, weil wir doch einmal ſo gemacht ſind, daß wir alles mit uns, und uns mit allem vergleichen, ſo liegt Glück oder Elend in den Gegenſtänden, womit wir uns zuſammenhal⸗ ten, und da iſt nichts gefährlicher als die Einſamkeit. Unſere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen ſich zu erhe⸗ ben, durch die phantaſtiſchen Bilder der Dichtkunſt genährt, bildet ſich eine Reihe Weſen hinauf, wo wir das unterſte ſind, und alles außer uns herrlicher erſcheint, jeder andere vollkommener iſt. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen ſo oft, daß uns manches mangelt und eben, was uns fehlt, ſcheint uns oft ein anderer zu beſitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch


