t Leiden des jungen Werther's. 55
Wie es gegen das Ende ging, und ſie zu mir ſagte: Bringe mir ſie herauf! und wie ich ſie hereinführte, die kleinen, die nicht wußten, und die älteſten, die ohne Sinne waren, wie ſie um's Bette ſtanden, und wie ſie die Hände aufhob und über ſie betete, und ſie küßte nach einander und ſie wegſchickte, und zu mir ſagte: Sei ihre Mutter! Ich gab ihr die Hand darauf. Du verſprichſt viel, meine Tochter, ſagte ſie, das Herz einer Mutter, und das Aug' einer Mut⸗ ter. Ich habe oft an deinen dankbaren Thränen geſehen, daß du fühlſt, was das ſei. Habe es für deine Geſchwiſter und für deinen Vater, die Treue und den Gehorſam einer Frau! Du wirſt ihn tröſten. Sie fragte nach ihm; er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu ver⸗ bergen, den er fühlte; der Mann war ganz zerriſſen.— Albert, du warſt im Zimmer. Sie hörte jemand gehen, und fragte, und forderte dich zu ſich, und wie ſie dich anſah und mich, mit dem getröſteten ruhigen Blicke, daß wir glück⸗ lich ſein, zuſammen glücklich ſein würden!— Albert fiel ihr um den Hals und küßte ſie, und rief: Wir ſind es! wir werden es ſein! Der ruhige Albert war ganz aus ſeiner Faſſung, und ich wußte nichts von mir ſelber.
Werther, fing ſie an, und dieſe Frau ſollte dahin ſein! Gott! wenn ich manchmal denke, wie man das Liebſte ſei⸗ nes Lebens wegtragen läßt, und niemand, als die Kinder, das ſo ſcharf fühlt, die ſich noch lange beklagten, die ſchwar⸗ zen Männer hätten die Mama weggetragen!
Sie ſtand auf und ich ward erweckt und erſchüttert, blieb ſitzen, und hielt ihre Hand. Wir wollen fort! ſagte ſie; es wird Zeit. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt ſie feſter. Wir werden uns wiederſehen, rief ich, wir werden uns finden, unter allen Geſtalten werden wir uns erkennen. Ich gehe, fuhr ich fört, ich gehe willig, und doch, wenn ich ſagen ſollte: auf ewigl ich würde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' wohl, Albert! Wir ſehen uns wieder!— Morgen, denke ich, verſetzte ſie ſcher⸗ zend.— Ich fühlte das Morgen! Ach, ſie wußte nicht, als ſie ihre Hand aus der meinen zog— Sie gingen die Allee hinaus, ich ſtand, ſah ihnen nach im Mondſcheine, und warf mich an die Erde und weinte mich aus, und ſprang
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