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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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54 4 Leiden des jungen Werther's.

unter ihren Kindern, unter meinen Kindern ſitze, und ſie um mich verſammelt ſind, wie ſie um ſie verſammelt waren. Wenn ich dann mit einer ſehnenden Thräne gen Himmel ſehe, und wünſche, daß ſie hereinſchauen könnte einen Augen⸗ blick, wie ich mein Wort halte, das ich ihr in der Stunde des Todes gab, die Mutter ihrer Kinder zu ſein!— mit welcher Empfindung rufe ich aus: Verzeihe mir's, Theuerſte, wenn ich ihnen nicht bin, was du ihnen warſt! Ach! thue ich doch alles, was ich kann; ſind ſie doch gekleidet, genährt, ach! und was mehr iſt als das alles, gepflegt und geliebt. Könnteſt du unſere Eintracht ſehen, liebe Heilige! du würdeſt mit dem heißeſten Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten, bitterſten Thränen um die Wohlfahrt deiner Kinder bateſt.— Sie ſagte das!— o Wilhelm, wer kann wiederholen, was ſie ſagte! Wie kann der kalte todte Buchſtabe dieſe himmliſche Blüthe des Geiſtes darſtellen! Albert fiel ihr ſanft in die Rede: es greift Sie zu ſtark an, liebe Lotte! Ich weiß, Ihre Seele hängt ſehr nach dieſen Ideen, aber ich bitte Sie!— O Albert! ſagte ſie, ich weiß, du vergiſſeſt nicht die Abende, da wir zuſammenſaßen an dem kleinen runden Tiſchchen, wenn der Papa verreiſſt war, und wir die Kleinen ſchlafen geſchickt hatten. Du hatteſt oft ein gu⸗ tes Buch, und kamſt 1 ſelten dazu, etwas zu leſen.— War der Umgang dieſer herrlichen Seele nicht mehr als alles? die ſchöne, ſanfte, muntere und immer thätige Frau! Gott kennt meine Thränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr gleich machen. Lotte! rief ich aus, indem ich mich vor ſie hinwarf, ihre Hand nahm und mit tauſend Thränen netzte, Lotte! der Segen Gottes ruht über dir, und der Geiſt deiner Mutter! — Wenn Sie ſie gekannt hätten! ſagte ſie, indem ſie mir die Hand drückte; ſie war werth, von Ihnen gekannt zu ſein!— Ich glaubte zu vergehen. Nie war ein größeres, ſtolzeres Wort über mich ausgeſprochen worden.— Und ſie fuhr fort: Und dieſe Frau mußte in der Blüthe ihrer Jahre dahin, da ihr jüngſter Sohn nicht ſechs Monate alt war!. Ihre Krankheit dauerte nicht lange: ſie war ruhig, hinge⸗ geben; nur ihr Kinder thaten ihr weh, beſonders das kleine.