Leiden des jungen Werther's. 53
davon geſchrieben, wie hohe Buchenwände Einen endlich ein⸗ ſchließen, und durch ein daran ſtoßendes Bosket die Allee immer düſterer wird, bis zuletzt alles ſich in ein geſchloſſenes Plätzchen endigt, das alle Schauer der Einſamkeit umſchwe⸗ ben. Ich fühle es noch, wie heimlich mir's war, als ich zum erſtenmal an einem hohen Mittage hineintrat: ich Raahnete ganz leiſe, was für ein Schauplatz das noch werden ſollte von Seligkeit und Schmerz. Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den ſchmach⸗ tenden, ſüßen Gedanken des Abſcheidens, des Wiederſehens geweidet, als ich ſie die Terraſſe heraufſteigen hörte. Ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer faßte ichrihre Hand und küßte ſie. Wir waren eben heraufgetreten, als der Mond hinter dem buſchigen Hügel aufging; wir redeten mancherlei, und kamen unvermerkt dem düſtern Cabinete näher. Lotte trat hinein, und ſetzte ſich, Albert neben ſie, ich auch; doch meine Unruhe ließ mich nicht lange ſitzen; ich ſtand auf, trat vor ſie, ging auf und ab, ſetzte mich wieder: es war ein ängſtlicher Zuſtand. Sie machte uns aufmerkſam auf die ſinie Wirkung des Mondenlichtes, das am Ende der Buchenwände die ganze Terraſſe vor uns erleuchtete: ein herrlicher Anblick, der um ſo viel frappanter war, weil uns rings eine tiefe Dämmerung einſchloß. Wir waren ſtill, und ſie fing nach einer Weile an: Niemals gehe ich im Mondenlichte ſpazieren, niemals, daß mir nicht der Gedanke an meine Verſtorbenen begegnete, daß nicht das Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme. Wir werden ſein! fuhr ſie mit der Stimme des herrlichſten Gefühls fort; aber, Werther, ſollen wir uns wiederfinden? wiedererkennen? Was ahnen Sie? Was ſagen Sie?
ooete, ſagte ich, indem ich ihr die Hand reichte, und mir die Augen voll Thränen wurden, wir werden uns wieder⸗ ſehen! hier und dort wiederſehen!— Ich konnte nicht weiter reden.—Wilhelm, mußte ſie mich das fragen, da ich dieſen ängſtlichen Abſchied im Herzen hatte!
Und ob die lieben Abgeſchiedenen von uns wiſſen, fuhr ſie fort, ob ſie fühlen, wenn's uns wohl geht, daß wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? Ol die Geſtalt meiner Mutter ſchwebt immer um mich, wenn ich am ſtillen Abend


