52 eiden des jungen Werther's.
Dämmerſchein hinſchlummere! O Wilhelm! die einſame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der Sta⸗ chelgürtel wären Labſale, nach denen meine Seele ſchmachtet. Adieu! Ich ſehe dieſes Elendes kein Ende als das Grab.
Am 3. September.
Ich muß fort! Ich danke dir, Wilhelm, daß du meinen wankenden Entſchluß beſtimmt haſt. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem Gedanken um, ſie zu verlaſſen. Ich muß fort. Sie iſt wieder in der Stadt bei einer Freundin. Und Albert— und— ich muß fort!
Am 10. September.
Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun überſtehe ich alles. Ich werde ſie nicht wiederſehen! O daß ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit tauſend Thränen und Ent⸗ zückungen ausdrücken kann, mein Beſter, die Empfindungen, die mein Herz beſtürmen! Hier ſitze ich und ſchnappe nach Luft, ſuche mich zu beruhigen, erwarte den Morgen, und mit Sonnenaufgang ſind die Pferde beſtellt. 3
Ach! ſie ſchläft ruhig, und denkt nicht, daß ſie mich nie wiederſehen wird. Ich habe mich losgeriſſen; bin ſtark ge⸗ nug geweſen, in einem Geſpräch von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verrathen. Und, Gott] welch ein Geſpräch!
Albert hatte mir verſprochen, gleich nach dem Nachteſſen mit Lotten im Garten zu ſein. Ich ſtand auf der Terraſſe, unter den hohen Kaſtanienbäumen, und ſah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmal über dem lieblichen Thale, über dem ſanften Fluß unterging. So oft hatte ich hier geſtan⸗ den mit ihr, und eben dem herrlichen Schauſpiele zugeſehen, und nun!— Ich ging in der Allee auf und ab, die mir
ſo lieb war; ein geheimer ſympathetiſcher Zug hatte mich⸗
hier ſo oft gehalten, ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang unſerer Bekanntſchaft die wechſelſeitige Neigung zu dieſem Plätzchen entdeckten! das wahrhaftig eines von den romantiſchſten iſt, die ich von der Kunſt hervorgebracht geſehen habe. 3 Erſt haſt du zwiſchen Kaſtanienbäumen die weite Ausſicht — ach!l ich erinnere mich, ich habe dir, denk' ich, ſchon viel


