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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's. 51

— O mein Bruder! können wir gereifte Früchte vernach⸗ läſſigen, verachten, ungenoſſen verfaulen laſſen?

Lebe wohl! Es iſt ein herrlicher Sommerv; ich ſitze oft auf den Obſtbäumen in Lottens Baumſtück mit dem Obſt⸗ brecher, der langen Stange, und hole die Birnen aus dem Gipfel. Sie ſteht unten und nimmt ſie ab, wenn ich ſie ihr herunterlaſſe. 3

Am 30. Auguſt.

Unglücklicher! Biſt du nicht ein Thor? Betrügſt du dich nicht ſelbſt? Was ſoll dieſe tobende, endloſe Leiden⸗ ſchaft? Ich habe kein Gebet mehr, als an ſie; meiner Ein⸗ bildungskraft erſcheint keine andere Geſtalt, als die ihrige, und Alles in der Welt um mich her ſehe ich nur im Ver⸗ hältniſſe mit ihr. Und das macht mir denn ſo manche glück⸗ liche Stunde— bis ich mich wieder von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! wozu mich mein Herz oft drängt!— Wenn ich bei ihr geſeſſen bin, zwei, drei Stunden, und mich an ihrer Geſtalt, an ihrem Betragen, an dem himmliſchen Aus⸗ druck ihrer Worte geweidet habe, nach und nach alle meine Sinne aufgeſpannt werden, mir es düſter vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel faßt, wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlä⸗ gen den bedrängten Sinnen Luft zu machen ſucht, und ihre Verwirrung nur vermehrt— Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und wenn nicht manchmal die Wehmuth das Uebergewicht nimmt, und Lotte mir den elenden Troſt erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen— ſo muß ich fort, muß hinaus! und ſchweife dann weit im Feld umher! einen jähen Berg zu klettern iſt dann meine Freude, durch einen unwegſamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen! Da wird mir's etwas beſſerl Etwas! Und wenn ich vor Müdigkeit und Durſt manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir ſteht, im ein⸗ ſamen Walde auf einen krummgewachſenen Baum mich ſetze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verſchaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem

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