50 Leiden des jungen Werther's.
Hoffnung zu haben. Oft beneide ich Alberten, den ich über
die Ohren in Acten vergraben ſehe, und bilde mir ein, mir wäre wohl, wenn ich an ſeiner Stelle wäre! Schon etlichemal iſt mir's ſo aufgefahren, ich wollte dir ſchreiben und dem Miniſter, und um die Stelle bei der Geſandt⸗ ſchaft anhalten, die, wie du verſicherſt, mir nicht verſagt wer⸗ den würde. Ich glaube es ſelbſt. Der Miniſter liebt mich ſeit langer Zeit, hatte lange mir angelegen, ich ſollte mich irgend einem Geſchäfte widmen; und eine Stunde iſt mir's
auch wohl drum zu thun. Hernach wenn ich wieder dran
denke, und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, ſeiner Freiheit ungeduldig, ſich Sattel und Zeug auflegen läßt, und zu Schanden geritten wird— ich weiß nicht, was ich
ſoll!— Und, mein Lieber! iſt nicht vielleicht ds Sehnen
in mir nach Veränderung des Zuſtandes eine innere, unbe⸗ hagliche Ungeduld, die mich überallhin verfolgen wird?
Am 28. Auguſt.
Es iſt wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, ſo würden dieſe Menſchen es thun. Heute iſt mein Geburts⸗ tag, und in aller Frühe empfange ich ein Päckchen von Al⸗ 4 berten. Mir fällt beim Eröffnen ſogleich eine der blaßrothen Schleifen in die Augen, die Lotte vorhatte, als ich ſie ken⸗ nen lernte, und um die ich ſie ſeither etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei, der kleine Wetſteiniſche Homer, eine Ausgabe, nach der ich ſo oft ver⸗ langt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Erneſtiſchen nicht zu ſchleppen. Sieh, ſo kommen ſie meinen Wünſchen zuvor, ſo ſuchen ſie alle die kleinen Gefälligkeiten der Freund⸗ ſchaft auf, die tauſendmal werther ſind als jene blenden⸗ den Geſchenke, wodurch uns die Eitelkeit des Gebers er⸗ niedrigt. Ich küſſe dieſe Schleife tauſendmal, und mit jedem Athemzuge ſchlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit denen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tage überfüllten. Wilhelm, es iſt ſo, und ich murre nicht die Blüthen des Lebens ſind nur Erſcheinungen! Wie viele gehen vorüber, ohne eine Spur hinter ſich zu laſſen! wie wenige ſetzen Frucht an, und wie wenige dieſer Früchte werden reif! Und doch ſind deren noch genug da; und doch


