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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's. 49

da alles mit der Wetterſchnelle vorüberrollt, ſo ſelten die ganze Kraft ſeines Daſeins ausdauert, ach! in den Strom fortgeriſſen, untergetaucht und an Felſen zerſchmettert wird? Da iſt kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblick, da du nicht ein Zerſtörer biſt, ſein mußt: der harmloſeſte Spaziergang koſtet tauſend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fuß⸗ tritt die mühſeligen Gebäude der Ameiſen, und ſtampft eine kleine Welt in ein ſchmähliches Grab. Hal nicht die große, ſeltene Noth der Welt, dieſe Fluthen, die eure Dörfer weg⸗ ſpülen, dieſe Erdbeben, die eure Städte verſchlingen, rühren mich; mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht ſeinen Nachbar, nicht ſich ſelbſt zerſtörte. Und ſo taumle ich beängſtigt, Himmel und Erde und ihre weben⸗ den Kräfte um mich her; ich ſehe nichts als ein ewig ver⸗ ſchlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer 3

Am 21. Auguſt.

Umſonſt ſtrecke ich meine Arme nach ihr aus, Morgens, wenn ich von ſchweren Träumen aufdämmere; vergebens ſuche ich ſie Nachts in meinem Bette, wenn mich ein glück⸗ licher, unſchuldiger Traum getäuſcht hat, als ſäß' ich neben ihr auf der Wieſe, und hielte ihre Hand, und deckte ſie mit tauſend Küſſen. Ach, wenn ich dann noch halb im Tau⸗ mel des Schlafes nach ihr tappe, und darüber mich ermun⸗ tere— ein Strom von Thränen bricht aus meinem gepreß⸗ ten Herzen, und ich weine troſtlos einer finſtern Zukunft entgegen.

Am 22. Auguſt.

Es iſt ein Unglück, Wilhelm! Meine thätigen Kräfte ſind zu einer unruhigen Läſſigkeit verſtimmt, ich kann nicht mü⸗ ßig ſein, und kann doch auch nichts thun. Ich habe keine Vorſtellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bü⸗ cher ekeln mich an. Wenn wir uns ſelbſt fehlen, fehlt uns doch alles. Ich ſchwöre dir, manchmal wünſchte ich ein Ta⸗ gelöhner zu ſein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Ausſicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine 4