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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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44 Leiden des jungen Werther's.

eines Tyrannen ſeufzt, darfſt du das ſchwach heißen, wenn es endlich aufgährt und ſeine Ketten zerreißt? Ein Menſch, der über dem Schrecken, daß Feuer ſein Haus ergriffen hat, alle Kräfte geſpannt fühlt, und mit Leichtigkeit L. en wegträgt, die er bei ruhigem Sinn kaum bewegen kann; einer, der in der Wuth der Beleidigung es mit Ses aufnimmt, und ſie überwältigt, ſind die ſchwach zu nenner Und, mein Guter, wenn Anſtrengung Stärke iſt, warn ſoll die Ueberſpannung das Gegentheil ſein?— Albert ſah mich an, und ſagte: Nimm mir's nicht übel, die Beiſpiele, die du da giebſt, ſcheinen hierher gar nicht zu gehören.— Es mag ſein, ſagte ich; man hat mir ſchon öfters vorge⸗ worfen, daß meine Combinationsart manchmal an Rado⸗ tage grenze. Laßt uns denn ſehen, ob wir uns auf eine andere Weiſe vorſtellen können, wie dem Menſchen zu Muthe ſein mag, der ſich entſchließt, die ſonſt angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen; denn nur in ſofern wir mitempfin⸗ den, haben wir Ehre von einer Sache zu reden.

Die menſchliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Grenzen; ſie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewiſſen Grad ertragen, und geht zu Grunde, ſobald der überſtie⸗ gen iſt. Hier iſt alſo nicht die Frage, ob einer ſchwach oder ſtark iſt? ſondern ob er das Maß ſeines Leidens ausdauern kann? es mag nun moraliſch oder körperlich ſein; und ich finde es eben ſo wunderbar zu ſagen: Der Menſch iſt feige, der ſich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber ſtirbt.

Paradox! ſehr paradox! rief Albert aus.— Nicht ſo ſehr, als du denkſt, verſetzte ich. Du giebſt mir zu, wir neunen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur ſo an⸗ gegriffen wird, daß theils ihre Kräfte verzehrt, theils ſo außer Wirkung geſetzt werden, daß ſie ſich nicht wieder auf⸗ zuhelfen, durch keine glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzuſtellen fähig iſt. Nun, mein Lieber, laß uns das auf den Geiſt anwenden. Sieh den Menſchen an in ſeiner Eingeſchränktheit, wie Eindrücke auf ihn wirken, Ideen ſich bei ihm feſtſetzen, bis endlich eine wachſende Leidenſchaft ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt, und ihn zu Grunde richtet. Vergebeus, daß der