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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's. 45

gelaſſene, vernünftige Menſch den Zuſtand des Unglücklichen überſieht, vergebens, daß er ihm zuredet! Eben ſo wie ein Geſunder, der am Bette des Kranken ſteht, ihm von ſeinen Kräften nicht das Geringſte einflößen kann.

Alberten war das zu allgemein geſprochen. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das man vor weniger Zeit im Waſſer todt gefunden, und wiederholte ihm ihre Geſchichte.— Ein gutes junges Geſchöpf, das in dem engen Kreiſe häuslicher Beſchäftigungen, wöchentlicher beſtimmter Arbeit herange⸗ wachſen war, das weiter keine Ausſicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach zu⸗ ſammengeſchafften Putz mit ihres Gleichen um die Stadt ſpazieren zu gehen, vielleicht alle hohe Feſte einmal zu tan⸗ zen, und übrigens mit aller Lebhaftigkeit des herzlichſten Antheils manche Stunde über den Anlaß eines Gezänkes, einer üblen Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern — deren feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürf⸗ niſſe, die durch die Schmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werden ihr nach und nach unſchmackhaft, bis ſie endlich einen Menſchen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl ſie unwiderſtehlich hinreißt, auf den ſie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um ſich vergißt, nichts hört, nichts ſieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen, ſich nur ſehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch die leeren Vergnügen einer unbeſtändigen Eitelkeit nicht ver⸗ dorben, zieht ihr Verlangen gerade nach dem Zweck; ſie will die Seinige werden, ſie will in ewiger Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung aller Freuden genießen, nach denen ſie ſich ſehnte. Wiederholtes Verſprechen, daß ihr die Gewißheit aller Hoffnungen ver⸗ ſiegelt, kühne Liebkoſungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; ſie ſchwebt in einem dumpfen Bewußtſein, in einem Vorgefühl aller Freuden, ſie iſt bis auf den höchſten Grad geſpannt, ſie ſtreckt endlich ihre Arme aus, alle ihre Wünſche zu umfaſſen— und ihr Geliebter verläßt ſie.— Erſtarrt, ohne Sinne, ſteht ſie vor einem Abgrunde; alles iſt Finſterniß um ſie her, keine Ausſicht, kein Troſt, keine Ahnung! denn der hat ſie verlaſſen, in dem ſie allein ihr Daſein fühlte. Sie ſieht nicht die weite