Leiden des jungen Werther's. 39
hatte, machte auch keine— das heißt, in ſofern es möglich iſt, bei ſo viel Liebenswürdigkeit nicht zu begehren— und jetzt macht der Fratze große Augen, da der andere nun wirk⸗ lich kommt, und ihm das Mädchen wegnimmt. 4 Ich beiße die Zähne aufeinander, und ſpotte über mein Elend, und ſpottete derer doppelt und dreifach, die ſagen könnten, ich ſollte mich reſigniren, und weil es nun einmal nicht anders ſein könnte— Schafft mir dieſe Strohmänner vom Halſe!— Ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr ſitzt im Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, ſo bin ich aus gelaſſen närriſch, und fange viel Poſſen, viel verwirrtes Zeug an.— Um Gottes willen! ſagte mir Lotte heut, ich bitte Sie, keine Scene, wie die von geſtern Abend! Sie ſind fürchterlich, wenn Sie ſo luſtig ſind.— Unter uns, ich paſſe die Zeit ab, wenn er zu thun hat; wutſch! bin ich draus, und da iſt mir's immer wohl, wenn ich ſie allein finde.
Am 8. Auguſt.
Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiß nicht auf dich geredt, wenn ich die Menſchen unerträglich ſchalt, die von uns Ergebung in unvermeidliche Schickſale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran, daß du von ähnlicher Mei⸗ nung ſein könnteſt. Und im Grunde haſt du Recht. Nur eins, mein Beſter! In der Welt iſt es ſehr ſelten mit dem Entweder Oder gethan; die Empfindungen und Hand⸗ lungsweiſen ſchattiren ſich ſo mannichfaltig, als Abfälle zwi⸗ ſchen einer Habichts⸗ und Stumpfnaſe ſind.
Du wirſt mir alſo nicht übel nehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument einräume, und mich doch zwiſchen dem Entweder Oder durchzuſtehlen ſuche.
Entweder, ſagſt du, haſt du Hoffuung auf Lotten oder du haſt keine. Gut! im erſten Fall ſuche ſie durchzutreiben, ſuche die Erfüllung deiner Wünſche zu umfaſſen; im auderen Fall ermanne dich, und ſuche einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kräfte verzehren muß!— Beſter! das iſt wohl geſagt, und— bald geſagt.
Und kannſt du von dem Unglücklichen, deſſen Leben unter einer ſchleichenden Krankheit unaufhaltſam allmählich ab⸗


