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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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38 Leiden des jungen Werther's.

wurden auf einmal alles Eiſenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden ſcheiterten zwiſchen den über einander ſtürzenden Brettern.

Am 30. Julius.

Albert iſt angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beſte, der edelſte Menſch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu ſtellen bereit wäre, ſo wär's unerträg⸗ lich, ihn vor meinem Angeſicht im Beſitz ſo vieler Vollkom⸗ menheiten zu ſehen.— Beſitz!— Genug, Wilhelm, der Bräutigam iſt da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut ſein muß. Glücklicher Weiſe war ich nicht beim Em⸗ pfange! Das hätte mir das Herz zerriſſen. Auch iſt er ſo ehrlich, und hat Lotten in meiner Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküßt. Das lohn ihm Gott! Um des Re⸗ ſpeets willen, den er vor dem Mädchen hat, muß ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich vermuthe, das iſt Lot⸗ tens Werk mehr als ſeiner eigenen Empfindung; denn darin ſind die Weiber fein, und haben Recht: wenn ſie zwei Ver⸗ ehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können, iſt der Vortheil immer ihr, ſo ſelten es auch angeht.

Indeß kann ich Alberten meine Achtung nicht verſagen. Seine gelaſſene Außenſeite ſticht gegen die Unruhe meines Charakters ſehr lebhaft ab, die ſich nicht verbergen läßt. Er hat viel Gefühl, und weiß, was er an Lotten hat. Er ſcheint wenig üble Laune zu haben, und du weißt, das iſt die Sünde, die ich ärger haſſe am Menſchen als alle andere.

Er hält mich für einen Menſchen von Sinn; und meine

„Anhänglichkeit an Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt ſeinen Triumph, und er liebt ſie nur deſto mehr. Ob er ſie nicht manchmal mit kleiner Eiferſüchtelei peinigt, das laſſe ich dahin geſtellt ſein; wenigſtens würd’ ich an ſeinem Platze nicht ganz ſicher vor dieſem Teufel bleiben..

Dem ſei nun, wie ihm wolle! meine Freude, bei Lotten zu ſein, iſt hin. Soll ich das Thorheit nennen oder Ver⸗ blendung?— Was braucht's Namen! Erzählt die Sache au ſich!— Ich wußte alles, was ich jetzt weiß, ehe Albert kam; ich wußte, daß ich keine Prätenſion an ſie zu machen