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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's. 37

nen nicht vernachläſſige, möchte ich lieber die ganze Sache übergehen, als dir ſagen, daß zeither wenig gethau wird.

Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Em⸗ pfindung an der Natur, bis aufs Steinchen, auf's Gräschen herunter, voller und inniger; und doch— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll— meine vorſtellende Kraft iſt ſo ſchwach, alles ſchwimmt und ſchwankt ſo vor meiner Seele, daß ich keinen Umriß packen kann; aber ich bilde mir ein, denn ich Thon hätte oder Wachs, ſo wollte ich's wohl herausbilden. Ich werde auch Thon nehmen, wenn's länger währt, und kneten— und ſollten’s Kuchen werden!

Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal proſtituirt; das mich um ſo mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeit ſehr glücklich im Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenriß gemacht, und da⸗ mit ſoll mir genügen.

Am 25. Julius.

Ja, liebe Lotte, ich will alles beſorgen und beſtellen; geben Sie mir nur mehr Aufträge, nur recht oft! Um eins bitte ich Sie: keinen Sand mehr auf die Zettelchen, die Sie mir ſchreiben! Heute führte ich es ſchnell nach der Lippe, und die Zähne kniſterten mir.

Am 26. Julius. 3 Ich habe mir ſchon manchmal vorgenommen, ſie nicht

ſo oft zu ſehen. Ja, wer das halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Verſuchung, zund verſpreche mir heilig: Morgen willſt du einmal wegbleiben; und wenn der Mor⸗ gen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderſtehliche Ur⸗ ſache, und ehe ich mich's verſehe, bin ich bei ihr. Entweder ſie hat des Abends geſagt: Sie kommen doch mörgen?— wer könnte da wegbleiben? oder ſie giebt mir einen Auf⸗ trag, und ich finde ſchicklich, ihr ſelbſt die Antwort zu brin⸗ en; oder der Tag iſt gar zu ſchön, ich gehe nach Wahl⸗

den, und wenn ich nun da bin, iſt's nur noch eine halbe Stunde zu ihr!— ich bin zu nahe in der Atmoſphäre— zuck! ſo bin ich dort. Meine Großmutter hatte ein Mähr⸗ chen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen,