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36 Leiden des jungen Werther's.
nicht zu Lotten; eine unvermeidliche Geſellſchaft hielt mich ab. Was war zu thun? Ich ſchickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menſchen um mich zu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ich ihn er⸗ wartete, mit welcher Freude ich ihn wiederſah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe genommen und geküßt, wenn ich mich nicht geſchämt hätte.
Man erzählt von dem Bononiſchen Steine, daß er, wenn man ihn in die Sonne legt, ihre Strahlen anzieht, und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit dem Burſchen. Das Gefühl, daß ihre Augen auf ſeinem Geſicht, ſeinen Backen, ſeinen Rockknöpfen und dem Kragen am Sür⸗ tout geruht hatten, machte mir das alles ſo heilig, ſo werth! Ich hätte in dem Augenblick den Jungen nicht um tauſend
Thaler gegeben. Es war mir ſo wohl in ſeiner Gegenwart.
— Bewahre dich Gott, daß du darüber lacheſt! Wilhelm, ſind das Phantome, wenn es uns wohl iſt?
Am 19. Julius.
Ich werde ſie ſehen! ruf' ich Morgens aus, wenn ich mich ermuntere, und mit aller Heiterkeit der ſchönen Sonne entgegenblicke; ich werde ſie ſehen! Und da habe ich für den ganzen Tag keinen Wunſch weiter. Alles, alles ver⸗ ſchlingt ſich in dieſer Ausſicht.
Am 20. Julius.
Eure Idee will noch nicht die meinige werden, daß ich mit dem Geſandten nach wer gehen ſoll. Ich liebe die Su⸗ bordination nicht ſehr, und wir wiſſen alle, daß der Mann noch dazu ein widriger Menſch iſt. Meine Mutter möchte mich gern in Activität haben, ſagſt du; das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt nicht auch activ? und iſt's im Grunde nicht einerlei, ob ich Erbſen zähle oder Linſen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Menſch, der um anderer willen, ohne daß es ſeine
eigene Leidenſchaft, ſein eigenes Bedürfniß iſt, ſich um Geld
oder Ehre oder ſonſt was abarbeitet, iſt immer ein Thor.
Am 24. Julius. Da dir ſo gern daran gelegen iſt, daß ich mein Zeich⸗


