Leiden des jungen Werther's 31
fällt, das du in blühenden Tagen untergraben haſt, und ſie nun da liegt in dem erbärmlichſten Ermatten, das Auge ge⸗ fühllos gen Himmel ſieht, der Todesſchweiß auf der blaſſen Stirne abwechſelt, und du vor dem Bette ſtehſt wie ein Ver⸗ dammter, in dem innigſten Gefühl, daß du nichts vermagſt mit deinem ganzen Vermögen, und die Angſt dich inwendig krampft, daß du alles hingeben möchteſt, dem untergehenden Geſchöpfe einen Tropfen Stärkung, einen Funken Muth ein⸗ flößen zu können!
Die Erinnerung einer ſolchen Scene, wobei ich gegenwär⸗ tig war, fiel mit ganzer Gewalt bei dieſen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen, und verließ die Geſellſchaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief: Wir wollen fort! brachte mich zu mir ſelbſt. Und wie ſie mich auf dem Wege ſchalt über den zu warmen Antheil an allem, und daß ich darüber zu Grunde gehen würdel daß ich mich ſchonen ſollte!— O der Engel! Um deinetwillen muß ich leben!
Am 6. Julius.
Sie iſt immer um ihre ſterbende Freundin, und iſt im⸗ mer dieſelbe, immer das gegenwärtige, holde Geſchöpf, das, wo ſie hinſieht, Schmerzen lindert und Glückliche macht. Sie ging geſtern Abend mit Mariannen und dem kleinen Mal⸗ chen ſpazieren; ich wußte es und traf ſie an, und wir gin⸗ gen zuſammen. Nach einem Wege von anderthalb Stun⸗ den kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir ſo werth, und nun tauſendmal werther iſt. Lotte ſetzte ſich auf's Mäuerchen, wir ſtanden vor ihr. Ich ſah umher, ach! und die Zeit, da mein Herz ſo allein war, lebte wieder vor mir auf. Lieber Brunnen, ſagte ich, ſeither hab' ich nicht mehr an deiner Kühle geruht, hab' in eilendem Vorübergehen dich manchmal nicht angeſehen.— Ich blickte hinab, und ſah, daß Malchen mit einem Glaſe Waſſer ſehr beſchäftigt heraufſtieg.— Ich ſah Lotten an, und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt Malchen mit einem Glaſe. Marianne wollt' es ihr abnehmen: nein! rief das Kind mit dem ſüßeſten Ausdrucke, nein, Lottchen, du ſollſt zuerſt trinken!— Ich ward über die Wahrheit,


