14 Leiden des jungen Werther's.
es denn immer geboſſelt ſein, wenn wir Theil an einer Na⸗ turerſcheinung nehmen ſollen?
Wenn dn auf dieſen Eingang viel Hohes und Vorneh⸗ mes erwarteſt, ſo biſt du wieder übel betrogen; es iſt nichts als ein Bauerburſch, der mich zu dieſer lebhaften Theilneh⸗ mung hingeriſſen hat.— Ich werde, wie gewöhnlich, ſchlecht erzählen, und du wirſt mich, wie gewöhnlich, denk ich, über⸗ trieben finden; es iſt wieder Wahlheim, und immer Wahl⸗ heim, das dieſe Seltenheiten hervorbringt.
Es war eine Geſellſchaft draußen unter den Linden, Kaffee zu trinken. Weil ſie mir nicht ganz anſtand, ſo blieb
ich unter einem Vorwande zurück.
Ein Bauerburſch kam aus einem benachbarten Hauſe, und beſchäftigte ſich, an dem Pfluge, den ich neulich gezeich⸗ net hatte, etwas zurecht zu machen. Da mir ſein Weſen gefiel, redete ich ihn an, fragte nach ſeinen Umſtänden; wir waren bald bekannt, und wie mir's gewöhnlich mit dieſer Art Leuten geht, bald vertraut. Er erzählte mir, daß er bei einer Wittwe in Dienſten ſei, und von ihr gar wohl gehalten werde. Er ſprach ſo vieles von ihr, und lobte ſie dergeſtalt, daß ich bald merken konnte, er ſei ihr mit Leib und Seele zugethan. Sie ſei nicht mehr jung, ſagte er, ſie ſei von ihrem erſten Mann übel gehalten worden, wolle nicht mehr heirathen, und aus ſeiner Erzählung leuchtete ſo merklich hervor, wie ſchön, wie reizend ſie für ihn ſei, wie ſehr er wünſche, daß ſie ihn wählen möchte, um das Andenken der Fehler ihres erſten Mannes auszulöſchen, daß ich Wort für Wort wiederholen müßte, um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieſes Menſchen anſchaulich zu machen. Ja, ich müßte die Gabe des größten Diehters beſitzen, um dir zugleich den Ausdruck ſeiner Geberden, die Harmonie ſeiner Stimme, das heimliche Feuer ſeiner Blicke lebendig darſtellen zu können. Nein, es ſprechen keine Worte die Zartheit aus, die in ſeinem ganzen Weſen und Aus⸗ druck war; es iſt alles nur plump, was ich wieder vorbrin⸗ gen könnte. Beſonders rührte mich, wie er fürchtete, ich möchte über ſein Verhältniß zu ihr ungleich denken und an ihrer guten Aufführung zweifeln. Wie reizend es war, wenn er von ihrer Geſtalt, von ihrem Körper ſprach, der ihn ohne


