Leiden des jungen Werther's. 13
paar Gänſen herumjage, als er geſprungen kam und dem zweiten eine Haſelgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich wei⸗ ter mit dem Weibe, und erfuhr, daß ſie des Schulmeiſters Tochter ſei, und daß ihr Mann eine Reiſe in die Schweiz gemacht habe, um die Erbſchaft eines Vetters zu holen.— Sie haben ihn drum betrügen wollen, ſagte ſie, und ihm auf ſeine Briefe nicht geantwortet; da iſt er ſelbſt hineinge⸗ gangen. Wenn ihm nur kein Unglück widerfahren iſt! ich höre nichts von ihm.— Es ward mir ſchwer, mich von dem Weibe loszumachen, gab jedem der Kinder einen Kreuzer, und auch für's jüngſte gab ich ihr einen, ihm einen Weck zur Suppe mitzubringen, wenn ſie in die Stadt ginge, und ſo ſchieden wir von einander.
Ich ſage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, ſo lindert all den Tumult der Anblick eines ſolchen Geſchöpfs, das in glücklicher Gelaſſenheit den engen Kreis ſeines Daſeins hingeht, von einem Tage zum andern ſich durchhilft, die Blätter abfallen ſieht, und nichts dabei denkt, als daß der Winter kommt.
Seit der Zeit bin ich oft draußen. Die Kinder ſind ganz an mich gewöhnt, ſie kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und theilen das Butterbrod und die ſaure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie; und wenn ich nicht nach der Betſtunde da bin, ſo hat die Wir⸗ thin Ordre, ihn auszuzahlen.
Sie ſind vertraut, erzählen mir allerhand, und beſon⸗ ders ergötze ich mich an ihren Leidenſchaften und ſimpeln Aus⸗ brüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus dem Dorfe ſich verſammeln.
Viel Mühe hat mich's gekoſtet, der Mutter ihre Beſorg⸗ niß zu nehmen, ſie möchten den Herrn incommodiren.
Am 30. Mai.
Was ich dir neulich von der Malerei ſagte, gilt gewiß auch von der Dichtkunſt, es iſt nur, daß man das Vor⸗ treffliche erkenne, und es auszuſprechen wage, und das iſt freilich mit wenigem viel geſagt. Ich habe hent eine Scene gehabt, die, rein abgeſchrieben, die ſchönſte Idylle von der Welt gäbe; doch was ſoll Dichtung, Scene und Idylle? muß


